Archiv für Januar 2007

Beef mit Brecht

Love it or hate it: Damals, im Deutsch-Grundkurs in der Schule, mussten wir sie beide lesen. Bertold Brecht und Thomas Mann. Für den Lehrer, einen nervösen mittelalten Mann mit struppig-grauem Bart und ausgebeultem Grobcord-Jacket, waren sie die Säulenheiligen der deutschen Literatur. Kanon as Kanon can. Bei Brecht (der übrigens von 1917 bis 1918 an der LMU in München studiert hat und mit Karl Valentin befreundet war) gingen die Schüler-Meinungen naturgemäß auseinander: Die einen, die, die später dann mal BWL studierten, echauffierten sich über die politischen Ansichten des Dichters. Und die anderen zogen ihre Arafat-Schals ein wenig weiter ins Gesicht und pfiffen auf dem Nachhauseweg die Songs aus der Dreigroschenoper.

brechtmann.jpg
Ganz wichtig: Immer genug Mann im Regal haben (Foto: isarstadt.de)

Buddenbrooks und Billy

Thomas Mann hatte es da leichter: Seine gestelzt daherkommenden bildungsbürgerlichen Wälzer hat zwar kaum einer ganz gelesen, dass sich Buddenbrooks und Zauberberg aber im Billy-Regal sehr schick machen, da waren sich alle einig. Hätte jemand zu behaupten gewagt, Mann sei doch vor allem ein stocksteifer, selbstverliebter Snob gewesen, der stolz in seiner Bogenhausener Villa residierte (jetzt, nach der Komplettsanierung 2005, wird sie von einem hochrangigen Bank-Manager bewohnt) und auch dementsprechend schrieb - er wäre wohl von Brecht-Hassern wie Brecht-Liebhabern mit höchst politisch korrektem Kopfschütteln bedacht worden.

Mehr Brecht als recht

Die beiden Schriftsteller untereinander waren da nicht so zimperlich. Ihre Positionen zu so ziemlich allem (mit Ausnahme der grundsätzlichen Opposition gegen die Nazi-Herrschaft) klafften weit auseinander, man kommentierte sich gegenseitig – und wenn’s allein der für beide Männer sehr wichtigen Selbststilisierung diente. Großartiges Beispiel: Brecht soll pornographische Sonette mit dem Namen Thomas Mann unterzeichnet haben. Derartige Anekdoten und Fundstellen aus dem Werk der beiden Schreiber präsentieren heute Abend im Literaturhaus München die beiden Schauspieler Florian Stetter und Christoph Luser. Es darf gelacht werden (sogar über Mann)!

31. Januar 2007 mawa 1 Kommentar

Derf’s auch a bisserl mehr sein?

Nachschlag: Am vergangenen Donnerstag hatten wir uns und Euch im Beitrag “Vercorkst und angeklebtgefragt, was es mit dem an diverse Häuserwände gepinnten “CORK”-Logo auf sich haben könnte. Der am häufigsten geäußerte Verdacht: Es handelt sich um Tourismuswerbung der irischen Stadt Cork. isarstadt.de meint: Das kann noch nicht die ganze Wahrheit sein! Ein weiterer interessanter Hinweis hat uns heute erreicht: Die aktuelle Ausgabe des vom Bayerischen Kultusministerium herausgegebenen und kostenlos in Unis, Behörden und Kulturinstitutionen ausliegenden Magazins “aviso” (das wir leider viel zu selten in die Hände bekommen - könnte man das nicht noch großflächiger verteilen? Zum Glück gibt es die Inhalte auch als PDF-Downloads!) widmet sich ausführlich dem Thema Schrift.

Schrift
Frühzeitliche Wandzeichungen im Haus der Kunst (Foto: isarstadt.de)

Wer schreibt, der bleibt

Positiv: Das zwar stets lesenswerte, bisher aber etwas verzopfte und grenzelitäre Kulturmagazin scheint entstaubt worden zu sein - in typographischer wie inhaltlicher Hinsicht. Oder wer hätte vermutet, dass ausgerechnet hier die Angel im ganz weiten Bogen ausgeworfen und das Thema Schrift ganz unkonservativ mit Artikeln über Typo-und Graphologie, Tätowierungen und Graffiti ausgelotet wird? Interessant im Kontext “CORK” und Guerilla-Kunst: Das in “aviso” vorgestellte “Bubble Project” des New Yorkers Ji Lee, der (leere) Sprechblasen-Aufkleber an Passanten verteilt und sie anregt, diese zum Beispiel auf Werbeplakate zu kleben und mit eigenen Texten zu füllen. Was dabei rauskommen kann, ist auf der großartigen Website des Künstlers zu sehen - Do It Yourself-Fans können dort übrigens auch ihre eigenen Bubbles ausdrucken.

Schreib mal wieder!

Nichtsdestotrotz: Die Frage, was “CORK” im Münchner Stadtleben macht, steht nach wie vor zur Debatte! Auf weitere Ideen freuen wir uns! An dieser Stelle sei auch noch mal auf die “Kommentar”-Funktion am Ende jedes Artikels hingewiesen, wo Ihr Eure Meinung oder Anregungen, oder was auch immer Ihr wollt, direkt hinterlassen könnt. Die Kommentare erscheinen etwas zeitverzögert, da sie “moderiert” werden - was allerdings nix mit Zensur zu tun hat, sondern damit, dass wir Kommentar-Spam vorbeugen wollen.

30. Januar 2007 mawa 1 Kommentar

Durst ist schlimmer als Heimweh

Als echter Münchner, da bist’ ja quasi ständig auf Wohnungssuche. Könnte doch irgendwann und von irgendwoher mal etwas um die Ecke kommen, was ein bisserl größer ist, ein wenig günstiger, im momentanen Traumviertel gelegen, mit Lift und Wohnküche und am Ende sogar mit Balkon. Na gut, den Balkon streichen wir zur Not, wird eh’ überbewertet, bei den wenigen wirklich balkontauglichen Tagen und Nächten in unseren Breitengraden. Und eigentlich ist’s doch auch schöner, an die Isar zu gehen, in einen der Parks zu radeln, an die Seen rauszufahrn (wobei: als echter Münchner, da sagst’ ja “wir war’n am See” - Singularform also, ohne genauer zu beschreiben, welches der doch zahlreichen Gewässer gemeint ist. Und das Gegenüber nickt draufhin wissend. Geht ja um’s Gefühl, nicht um den Ort).

Ude-Graffito
Der Herr Ude markiert sein Revier (Foto: isarstadt.de)

Den Ackermannbogen wieder kriegen

Aber, um den Bogen wieder zu kriegen: Am See oder am Fluss oder im Park oder im Wald oder am Berg kannst ja auch nicht ewig bleiben. Brauchst also ein Dach übern Kopf. Wo selbiges exemplarischer Weise stehen könnte, dokumentiert die Ausstellung “Zukunft findet Stadt“, die noch bis Anfang März in der Rathausgalerie (im Neuen Rathaus am Marienplatz) läuft. Das Referat für Stadtplanung und Bauordnung stellt dort aktuelle Münchner Wohnraumprojekte vor, so zum Beispiel das Konzept des Generationen übergreifenden Wohnens am Ackermannbogen (unter’m Olympia-Park), ein “Clearinghaus” an der Orleansstraße, wo wohnungslose Menschen einen neuen Start wagen können, aber auch die Luxusappartements in den Fünf Höfen oder im “Park Plaza”-Hochhaus auf dem Alten Messegelände. Logischerweise geht’s der Stadt als Ausstellungsmacherin um weiche wie harte Standort-Faktoren, um das gewisse Etwas also zwischen sozialer Politik und Investorenschmeichelei. So bleibt nach dem Rundgang durch die Ausstellung der (leider sehr realitätsnahe) Eindruck hängen, dass man’s in München durchaus schön haben kann, wenn das nötige Kleingeld vorhanden ist - dass ein großer Rest der Bevölkerung sich aber schon freuen darf, wenn neue Schallschutzfenster eingebaut werden, die den an die Zimmerwände bordenden Lärm vom Mittleren Ring ein wenig abmildern.

Echt starckes Stück

Wie es mit der Wohnungssituation in München weitergeht, ist aber nicht nur auf den Schautafeln in der Rathausgalerie nachzuvollziehen, sondern auch in der freien Wildbahn: Aus dem ehemaligen Gründerzeit-Arbeitsamt an der Thalkirchner Straße (hinter’m Alten Südfriedhof) werden Upper Class-Appartements geschält, Design by Philippe Starck. Und in der nahen Maistraße ensteht - ebenfalls in einem leer stehenden, aber weniger pittoresken Bürohaus - das “Isarstadtpalais“, Feng Shui und Gartenkunst inklusive. Dass statt des weiteren Ausbaus der Gewerbebebauung mal Wohnungen entstehen, ist natürlich löblich - schade aber, dass diese jenseits der Möglichkeiten des Dutchschnitts-Münchners stehen und der eh schon schicken Ludwigs-/Isarvorstadt noch mehr den Stempel des Exklusiven aufdrücken. Ein bisschen bodenständiger geht’s da vielleicht im ebenfalls mit Hochdruck beworbenen Großprojekt “Arnulfpark” zu, aber direkt neben den S-Bahn-Gleisen zu wohnen, ist auch nicht jedermanns Sache. Naja, dann suchen wir halt weiter. Ist ja eh schon eine lieb gewonnene Freizeitbeschäftigung, ohne die uns wahrscheinlich auch wieder was fehlen würde…

29. Januar 2007 mawa 6 Kommentare

Danke! Schön!

Hurra! isarstadt.de wird gelesen: Unser “Cork”-Artikel vom Donnerstag wurde bei minga.de erwähnt. Und einen Kommentar gab’s auch schon. Das ist ja noch nicht grad viel, meint Ihr, nix was man jetzt so groß rausposaunen müsste? Wir meinen doch: Wenn man jeden Abend vorm Bildschirm hockt und am Ende nicht mehr weiß, ob der in der Statistik angezeigte Traffic nicht am Ende nur vom eigenen nervösen Hin- und Herhüpfen auf der Homepage kommt, dann freut es einen ungemein zu sehen, dass die Texte nicht gänzlich ungelesen in den Remittenden-Kisten der Blogosphäre landen. So, und bevor wir jetzt hier ganz groschenpoetisch werden, nur noch das: Vielen Dank allen, die bisher vorbeigeschaut haben - wir hoffen, Ihr bleibt dabei…

Glückskeks
Der Glückkeks spricht: Mal ‘ne kurze Pause machen (Foto: isarstadt.de)

…und das auch, wenn wir uns heute zur Feier des ersten kleinen Erfolgs mal einen Tag freinehmen. Heute also nix groß aktuelles, gestern Abend im Kilombo ist es eh spät genug geworden. Nur eine kurze Anregung für heute Abend: Der “Tschechenabend” im Substanz (ab 21 Uhr), veranstaltet vom umtriebigen Münchner Poetry-Slam-Pionier Jaromir Konecny und mit Dirk Wagner am DJ-Pult. Prost! Und: Morgen wieder mehr!

28. Januar 2007 mawa Kommentieren

Münchner G’schichten

Wenn zu den “Geschichten aus der großen Stadt” ins Kilombo gerufen wird, können andere Wort-Vermittlungsstätten wie etwa das Literaturhaus guten Gewissens für einen Abend ihre Türen dicht machen. Wer sich auch nur ein bisserl für die jüngere deutsche Literatur interessiert, weiß, wo er heute um 20.30 Uhr sein wird (beziehungsweise lieber schon eine Ecke früher, denn für gewöhnlich wird’s eng). Bei der mittlerweile seit fünf Jahren bestehenden Lesereihe gibt sich die A-Klasse der Szene die Klinke in die Hand. Dobler und Meinecke haben hier gelesen, Franzobel, Glavinic, Kirsten Fuchs und Wladimir Kaminer waren da. Aber auch viele Unbekannte oder Noch-nicht-Bekannte.

Marienplatz U-Bahn
Großstadt braucht große U-Bahn-Steige (Foto: E. Vezzaro/stock.xchng)

Endlich München

Jeder der vier bis sechs Mal im Jahr stattfindenden Abende ist einer anderen Stadt gewidmet. Heute endlich dran: München! Neben dem lokalen Krimi-
Papst Friedrich Ani treten blumenbar-Star FX Karl sowie fünf weitere, nicht minder interessante Autorinnen und Autoren auf, Georg M. Oswald moderiert. Für diejenigen, die es partout nicht ins Kilombo schaffen: Ab kommendem Montag werden beim Zündfunk, der die “Geschichten aus der großen Stadt” sponsert, MP3-Downloads von der Veranstaltung zur Verfügung stehen.

Jetzt neu: Rente erst ab 95!

Von den Jungliteraten noch schnell zur Graue Panther-Fraktion: Heute bietet sich die letzte Möglichkeit, die Fotos der Amerikanerin Helen Levitt in München in der Galerie f5,6 Nähe Odeonsplatz anzusehen. Die Künstlerin ist stolze 94 Jahre alt - ihren Durchbruch hierzulande hatte sie erst im Alter von 85 auf der documenta X. Dabei ist Levitt alles andere als ein Spätzünder, sie knipst schon seit den 1930er Jahren und hatte bereits 1943 ihre erste Einzelaus-
stellung im Museum of Modern Art, New York. Ihre Motive findet Levitt vor allem in den Menschen ihrer direkten Umgebung, den New Yorker Vierteln Lower East Side und Harlem. Schönes, altersweises Zitat der Fotografin: “Die Ästhetik ist bereits in der Wirklichkeit vorhanden.”

27. Januar 2007 sist Kommentieren

Tequila zum Theaterstadel

Schon mal aufgefallen, dass das Fernsehprogramm an einem durchschnitt-
lichen Freitag Abend eher als seichtes Plätschern denn als gewaltige Welle daherkommt? Diese rosamundige und in jedem Fall familientaugliche Theaterstadelei hat durchaus Methode – wie auch den TV-Machern nicht verborgen geblieben ist, wollen viele Menschlein nach einer langen Arbeits-
woche
einfach mal abschalten beim Anschalten. Ist ja auch legitim und vielleicht sogar besser, als sich in der Diskothek Shakatak oder einer anderen Lokalität des Vertrauens unter Zuhilfenahme verschiedentlicher Mischgetränke die Birne wegzuballern.

Men at work-Schild
Und was ist mit der Gleichberechtigung? (Foto: akaak/stock.xchng)

Können wir auch mal über was anderes als Arbeit reden?

Um mehr als nur den persönlichen Weg zur perfekten Work-Life-Balance geht es in der seit gestern im Filmmuseum laufenden Reihe “FilmWeltWirtschaft“. Zwei Tipps aus dem Programm: Heute um 16 Uhr werden Imagefilme von Unternehmen, “Corporate Shorts”, vorgeführt und von Filmemachern und Unternehmern (hoffentlich kontrovers) diskutiert. Klingt spannend und löblicherwesie ist der Eintritt sogar frei. Dämlich allerdings: Die gerade für Berufstätige absurde Anfangszeit am Nachmittag! Am Sonntag schließlich läuft um 18:30 Uhr die mehrfach ausgezeichnete Doku “Workingman’s Death“, die sich mit dem zunehmenden Aussterben der körperlichen Arbeit auseinandersetzt.

Weltmarktführer

Und, als wär’s verabredet, ausgerechnet an diesem Wochenende kommt auch noch der vielleicht überhaupt beste Film zum Thema im Fernsehen: “Weltmarktführer” führt anhand der Geschichte des als Börsen-Wunderkind gehandelten “Biodata”-Firmenchefs Tan Siekmann den kometenhaften Auf- und unvermeidlichen Abstieg eines New Economy-Unternehmers vor. Wäre es keine Dokumentation, müsste man’s unter Tragikomödie einordnen. Der Film lief bereits im Werkstattkino mit großem Erfolg und hat 2006 völlig zu Recht einen Grimme-Preis erhalten. Nicht verpassen!

26. Januar 2007 mawa Kommentieren

Vercorkst und angeklebt

Seit ein paar Jahren bekommen die klassischen Graffiti in der Innenstadt
Münchens kreativen Gegenwind zu spüren: So genannte “Affichements
(Aufkleber) haben zumindest im kleinteiligen Bereich abseits der S-Bahn-
Strecken und Unterführungen die Parole übernommen. Zu sehen sind sie
auf Stromkästen, an Straßenlaternen, auf den Scheiben leer stehender
Läden, im Toilettenbereich der Kneipen. Überall dort eben, wo sie haften
bleiben. Kenner unterscheiden “Cutouts”, entlang ihrer Umrisse zuge-
schnittene und mit Tapetenkleister fixierte Bilder, und “Sticker”: Zeich-
nungen oder Tags, die auf bereits existierende Aufkleber (häufig die
kostenlos bei der Post erhältlichen Paketaufkleber) gezeichnet, gemalt
oder gedruckt werden. Praktisch: Im Gegensatz zum eindeutig als Sach-
beschädigung verfolgten Werk der Sprayer wabert das Anbrigen der
Klebebildchen noch fröhlich in einer rechtlichen Grauzone dahin.

CORK-Schriftzug an der Blumenstra�e
CORK-Schriftzug an der Blumenstraße (Foto: isarstadt.de)

Liebling, ich glaube, der Wein corkst

So weit, so gut. Nun haben wir’s aber mit einer ganz neuen und wirklich
ungewöhnlichen Form von Street Art zu tun: An mehreren Hauswänden
im Glockenbachviertel, zum Beispiel in der Blumenstraße/Ecke Pestalozzi-
straße oder der Jahnstraße/Ecke Ickstattstraße ist - deutlich über Kopf-
höhe - der Schriftzug “CORK” angebracht. Auf den ersten Blick wirkt
das aus Styropor ausgeschnittene, modern gestaltete Signet wie das
(Aushänge)Schild eines hippen Clubs, einer Boutique oder irgendeines
anderen Viertel-typischen Ladens. Nur: Weder an der einen noch der
anderen Adresse befindet sich ein Geschäft dieses Namens.

Kate Moss corkst nicht mehr

Was sagt uns “CORK” also? Ist es der letzte Hilfeschrei eines originellen,
aber arbeitslosen Grafikdesigners? Will der Verband der oberbayerischen
Weintrinker auf die Knappheit des aus der Korkeiche gewonnenen Roh-
stoffs aufmerksam machen und uns ermutigen, fortan nur noch Göck-
linger Nierentritt aus dem Tetrapack zu süffeln? Ist es der besonders
perfide Werbetrick eines Bodenbelag-Vertriebs, der dem um sich grei-
fenden Parkettwahn den Kampf angesagt hat? isarstadt.de freut sich
über jeden Hinweis, über jegliche noch so wilde Spekulation
zu
Herkunft und Aussage des “CORK”-Schriftzugs! Hinterlasst Eure Meinung
oder Vermutung einfach per Kommentar oder schickt eine Mail an
redaktion@isarstadt.de
. Wir sind gespannt!

25. Januar 2007 mawa 1 Kommentar

Curky quetschen

Es muss schon recht spät am Abend sein, als der aus Berlin angereiste
Bekannte mit lauter Stimme verkündet, nun sei die Zeit gekommen, ge-
meinsam eine Curky quetschen zu gehen. Verwunderte, irritierte, ja,
ängstliche Blicke. Ein vorsichtiger Schritt zurück (was natürlich angesichts
der Menschenmengen, die sich selbst an einem Mittwoch-Abend hier im
X-Cess gegenseitig auf den Füßen herumstehen, eher als rhetorische
Wendung denn als tatsächliche Bewegung zu interpretieren ist). Abwar-
ten, was als nächstes kommt. Gesicht, Oberkörper, Hände des Gegen-
übers fest im Blick. Bereit, sich notfalls zu Boden zu werfen und zwischen
den Beinen der Kneipenbesucher hindurch das Weite zu suchen. Oder sich
in der Toilette einzuschließen. Oder unter der Mütze des Wirts zu ver-
stecken.

curky.jpg
Drück mich! (Foto:Lynette Lan/stock.xchng)

Metropolitäres Mitleid

Hauptsache nicht gequetscht werden oder quetschen müssen oder ge-
zwungen werden, anderen beim Quetschen zuzusehen. In was für eine
beschissene Lage haben wir uns da nur wieder manövriert, könnten doch
jetzt schön kuschelig daheim auf dem Sofa sitzen und DVD glotzen, aber
nein, wir folgen ja blindlings jeder SMS, die uns mit den magischen Wor-
ten “Müssen mal wieder auf ein Bierchen gehen” lockt…Plötzlich: Ein gütiges
Strahlen, ein breites Grinsen auf dem Gesicht des Berliners, schließlich der
fast mitleidig geäußerte Satz: “Na, wa, macht euch ma’ locker, eine Curky
quetschen, das muss doch auch in München gehen.”

Sich einen Wolf anfressen

Aber klar! Das wurstdialektisch geschulte Personal im Bergwolf, zu dem
wir den Bekannten nach Auflösung des Rätsels führen, wundert sich
zwar auch ein bisschen über den in der oben genannten Form vorgetra-
genen Wunsch (und denkt hoffentlich genauso wie wir, dass man eine
Weißwurst ja schließlich auch nicht Weißy oder Weiß’scho oder gar
Zoozie’s nennt), aber die gewünschte Currywurst, die bekommt er. Und
das selbst zu später Stunde, von wegen in München geht ja nix mehr
nach dem Abspann des “Tatort”. Also: Eat your heart out, Berlin! Aber
runtergespült wird’s mit einer Weißen, soll heißen: einem Hefe, äh, einem
Weizen, also, na gut, wir verstehen uns, oder?!

24. Januar 2007 mawa Kommentieren

Kopfeck

Hätten wir nicht bis spätabends arbeiten (im Sinne von: Erwerbstätig-
keit) müssen, wären wir heute wohl zu Sophia aufs Feierwerkgelände
gegangen. Oder ins Werkstatt-Kino. Bleibt nur “Monaco Franze” auf
DVD. Die letzte Folge. Damit’s richtig weh tut. Auch schön. Und das
alles ohne Links.

Morgen mehr!

23. Januar 2007 redaktion Kommentieren

Junge Union

Seit gefühlten 300 Wochen führt Daniel Kehlmann mit seiner “Vermessung
der Welt” die Bestseller-Listen an. Ein paar Plätze weiter unten steht Katha-
rina Hacker
mit ihren bebuchpreisten “Habenichtsen”. Nur zwei Beispiele
dafür, dass sich junge und jüngere Schriftsteller (wozu ja alles vom Roll-
kragenburschi aus der Kollegstufe bis zum Turnschuh tragenden Endvierzi-
gerin gezählt wird) auch in Sachen Verkaufszahlen nicht mehr hinter Grass,
Walser und Co. verstecken müssen. Und dennoch sind sich die Rezensenten
immer wieder einig, dass der Nachwuchs reichlich wenig zu erzählen habe
(man gebe nur den Suchbegriff “Bachmannpreis” bei faz.net ein).

Papier
Prima: Falten suggerieren Lebenserfahrung (Foto: Diego Medrano/stockxchng)

Euer Alltag ist meiner nicht

Nicht allein die Partnersuche-Party-Poppen-Prada-Poeten mit ihrer post-
pubertären Nabelschau stehen am Pranger. Auch diejenigen, die sich auf
anspruchsvolleres Terrain wagen, werden abgekanzelt. Ein Einser in Ge-
schichte und Philosophie sowie das theoretische Handwerkszeug aus dem
Germanistik-Oberseminar machten nun mal den Mangel an selbst Erlebtem
nicht wett. Reales Soziales à la Hartz IV, Demographie und die wachsende
Kluft zwischen Prekariat und Pullach oder ganz Alltägliches wie Krankheit,
Angestelltentum und Windelwechseln sei den Schreibern völlig fremd. Von
“Institutsliteratur” ist da mit Blick nach Leipzig und Hildesheim die Rede.
Ganz schön sauertöpfisch, diese Kritik! Blöd nur: Sie trifft natürlich voll
ins Schwarze.

Geht doch! (am Stock)

Angenehm anders wirkt da der Roman Haus der Schildkröten, aus
dem die Autorin Anette Pehnt (Jahrgang 1967) heute Abend um 20 Uhr
im Literaturhaus München vorliest: Zwei Menschen lernen sich in einem
Altersheim kennen – beide besuchen sie immer Dienstags ihre dort leben-
den Eltern. Ein Buch übers Älterwerden und mal nicht übers Jungsein.
Eine Geschichte über ewig gleiche Tagesabläufe und nicht über den Kick
für’n Augenblick. Über langsam scheiternde Beziehungen statt den One
Night Stand. Konservativ? Nö, das sind in Wahrheit die Anderen!

22. Januar 2007 mawa Kommentieren

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