München, 29. Januar 2007 mawa

Durst ist schlimmer als Heimweh

Als echter Münchner, da bist’ ja quasi ständig auf Wohnungssuche. Könnte doch irgendwann und von irgendwoher mal etwas um die Ecke kommen, was ein bisserl größer ist, ein wenig günstiger, im momentanen Traumviertel gelegen, mit Lift und Wohnküche und am Ende sogar mit Balkon. Na gut, den Balkon streichen wir zur Not, wird eh’ überbewertet, bei den wenigen wirklich balkontauglichen Tagen und Nächten in unseren Breitengraden. Und eigentlich ist’s doch auch schöner, an die Isar zu gehen, in einen der Parks zu radeln, an die Seen rauszufahrn (wobei: als echter Münchner, da sagst’ ja “wir war’n am See” - Singularform also, ohne genauer zu beschreiben, welches der doch zahlreichen Gewässer gemeint ist. Und das Gegenüber nickt draufhin wissend. Geht ja um’s Gefühl, nicht um den Ort).

Ude-Graffito
Der Herr Ude markiert sein Revier (Foto: isarstadt.de)

Den Ackermannbogen wieder kriegen

Aber, um den Bogen wieder zu kriegen: Am See oder am Fluss oder im Park oder im Wald oder am Berg kannst ja auch nicht ewig bleiben. Brauchst also ein Dach übern Kopf. Wo selbiges exemplarischer Weise stehen könnte, dokumentiert die Ausstellung “Zukunft findet Stadt“, die noch bis Anfang März in der Rathausgalerie (im Neuen Rathaus am Marienplatz) läuft. Das Referat für Stadtplanung und Bauordnung stellt dort aktuelle Münchner Wohnraumprojekte vor, so zum Beispiel das Konzept des Generationen übergreifenden Wohnens am Ackermannbogen (unter’m Olympia-Park), ein “Clearinghaus” an der Orleansstraße, wo wohnungslose Menschen einen neuen Start wagen können, aber auch die Luxusappartements in den Fünf Höfen oder im “Park Plaza”-Hochhaus auf dem Alten Messegelände. Logischerweise geht’s der Stadt als Ausstellungsmacherin um weiche wie harte Standort-Faktoren, um das gewisse Etwas also zwischen sozialer Politik und Investorenschmeichelei. So bleibt nach dem Rundgang durch die Ausstellung der (leider sehr realitätsnahe) Eindruck hängen, dass man’s in München durchaus schön haben kann, wenn das nötige Kleingeld vorhanden ist - dass ein großer Rest der Bevölkerung sich aber schon freuen darf, wenn neue Schallschutzfenster eingebaut werden, die den an die Zimmerwände bordenden Lärm vom Mittleren Ring ein wenig abmildern.

Echt starckes Stück

Wie es mit der Wohnungssituation in München weitergeht, ist aber nicht nur auf den Schautafeln in der Rathausgalerie nachzuvollziehen, sondern auch in der freien Wildbahn: Aus dem ehemaligen Gründerzeit-Arbeitsamt an der Thalkirchner Straße (hinter’m Alten Südfriedhof) werden Upper Class-Appartements geschält, Design by Philippe Starck. Und in der nahen Maistraße ensteht - ebenfalls in einem leer stehenden, aber weniger pittoresken Bürohaus - das “Isarstadtpalais“, Feng Shui und Gartenkunst inklusive. Dass statt des weiteren Ausbaus der Gewerbebebauung mal Wohnungen entstehen, ist natürlich löblich - schade aber, dass diese jenseits der Möglichkeiten des Dutchschnitts-Münchners stehen und der eh schon schicken Ludwigs-/Isarvorstadt noch mehr den Stempel des Exklusiven aufdrücken. Ein bisschen bodenständiger geht’s da vielleicht im ebenfalls mit Hochdruck beworbenen Großprojekt “Arnulfpark” zu, aber direkt neben den S-Bahn-Gleisen zu wohnen, ist auch nicht jedermanns Sache. Naja, dann suchen wir halt weiter. Ist ja eh schon eine lieb gewonnene Freizeitbeschäftigung, ohne die uns wahrscheinlich auch wieder was fehlen würde…

Eintrag unter folgendem Thema abgelegt: Stadtleben, Wohnen in München

6 Kommentare Auch einen Kommentar hinterlassen

  • 1. Sebastian  |  Januar 29th, 2007 at 16:13

    Hier mal ein wirklich konstruktiver Kommentar zur aktuellen Wohnungs-
    situation in München.

    Viele Grüße aus Hamburg!!

    PS: Viel Erfolg für euren tollen Blog!

  • 2. redaktion  |  Januar 29th, 2007 at 23:02

    Nachtrag zum Thema : Im Lokalteil der “Süddeutschen” sind heute
    mehrere Artikel zum Thema “Ein Viertel verändert sich” erschienen. Unter
    anderem ein sehr interessanter Beitrag mit dem Titel “Schwierige Inte-
    gration der Reichen”, der den Kultur-Clash zwischen alteingessesenen
    und neuen Mietern am Beispiel Haidhausens beschreibt. Leider sind die
    Artikel online nicht frei verfügbar.

  • 3. Isarsurfer  |  Januar 30th, 2007 at 14:37

    Danke für diesen wertvollen Beitrag. Als “durchschnittlich vermögendem
    gebürtigem Münchner” spricht mir dieser Beitrag aus dem Herz. Ich
    möchte sogar noch weiter gehen:
    Es ist traurig, dass immer weniger Münchner sich ein Leben mit Familie
    innerhalb der Stadtgrenzen leisten können und stattdessen abwandern.
    Sozusagen die Entscheidung: Familie oder München.
    Irgenwann besteht München nur noch aus Singles, Kinderlosen, Alten,
    Geldigen und Sozialhilfeempfängern.
    Na denn Prost!

  • 4. christian  |  Januar 30th, 2007 at 18:15

    drei dings dazu:

    1. ja, Ludwigs-/Isarvorstadt wird immer mehr schnöseliger. sollte man doch
    diskutieren, was mensch dagegen tun könnte, oder? (mir fällt nur dummes
    zeux ein, wie bergwolfüberreste ausschliesslich auf schicke autos zu
    schmieren,…)

    2. balkone werden vollkommen UNTERbewertet!!!

    3. gutes blog, das.

  • 5. redaktion  |  Februar 1st, 2007 at 23:10

    Noch ein Nachtrag: Am Donnerstag, 1. Februar, ist auch in der SZ ein aus-
    führlicher Artikel über die schicken Starck-Appartements erschienen. Leider
    wieder nicht online!

  • 6. isarstadt.de&hellip  |  Februar 3rd, 2009 at 22:52

    Paläste. Und Revolutionen?…

    Gibt man bei Google “isarstadt” ein, landet man - so wie’s sich ja auch gehört - zuallererst auf dieser Seite. Ein paar Plätze weiter allerdings clustern sich seit einiger Zeit Einträge zum Thema Immobilien. Was weniger dran liegt,…

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