Archiv für Juli 2007

Star in Berg

“Starnberger leben am längsten”, klärt uns die Süddeutsche in ihrer Mittwochs-Ausgabe auf (not to be mistaken with: “Starnberger haben die längsten”, wie sicher an manchem schönen Abend im P1 oder ähnlich suspekten Seegrundstückbewohner-Spelunken kolportiert wird). So werden laut einer Studie die Mannsbuam (Frauen wurden seltsamerweise nicht berücksichtigt) aus dem pittoresken Fünfseenland gut sechs Jahre (in toto 79,5) älter als ihre Geschlechts- und Jahrgangsgenossen in weniger von Gottes Gnaden begünstigten Landstrichen wie etwa Tirschenreuth (only 73,5 Jahre - but did you know: Tirschenreuth is the “Land der Tausend Teiche”!), Hof (73,7 Jahre) oder Wunsiedel (73,9 Jahre).

Steg
Das Leben ist eine Hühnerleiter ein Seegrundstück.
(Foto: C. Kitazume/stock.xchng)

Sunny Side Statistics

Auch wenn sie es nicht ganz so weit (respektive: lang) bringen wie die Starnberger, haben die Münchner Männer statistisch gesehen ebenfalls gute Chancen auf ein langes Leben. Besonders die mit im Speckgürtel, aber auch Schwabinger Sonnenseitensitzer, Gerner Gartenliegenanlieger oder Bogenhausener Bungalowbewohner - was natürlich auch wiederum kaum etwas anderes ist als Starnberg ohne See. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Mann achtet in diesen piekfeinen Quartiers mehr auf seine Gesundheit, ernährt sich besser, treibt mehr Sport und kann sich eines Grinsens über die grundgütige Güte seines irdischen Daseins nicht verwehren, wenn er seinen Porsche des Abends in die Duplex-Garage steuert.

Geographically challenged

Sechs Jahre quasi geschenktes Leben sind eine ganze Menge. Was aber fängt der bayerische Better-Off-Bürger mit dieser Zeit an? Er verplempert sie mit Wohnungs-, Parkplatz- oder Sinn-Suche. Mit sinnfreiem Shoppen oder der Suche nach der besten, tollsten, wichtigsten Kneipe. Mit Granteln, Essen-für-den-Biergarten-Kaufen-und-dann-doch-die-Hälfte-wegwerfen, nochmal Granteln, sich für die Suche nach der besten Kneipe Aufbrezeln. Oder mit dem Erlernen der dialektisch einwandfreien Aussprache des Wörtchens “Tirschenreuth”. Zwecks: Political Correctness gegenüber den geographically challenged Mitbayern.

25. Juli 2007 mawa Kommentieren

Hausmusik

Der Türsteher trägt Dreiviertelhose. In schwarz. Mit fettem weißem Schriftzug übers rechte Bein. Wohl das Label? Erkennen wir nicht. Türsteher-Label. Dazu eine knallgrüne Trainingsjacke und um den Hals eine dicke Kette aus Holzkugeln. Hat ne Glatze. Fiese Glatze. Ruhelos tigert er vor der Tür des Ladens auf und ab. Türsteht, sitztürt (auf einem Barhocker), tigertürt. Seine Bewegungen: ruckartig. Fiese Glatze. Nimmt einen Schluck aus seiner Cola-Flasche, setzt sie nervös an die Lippen und gleich wieder ab. Zündet sich eine Zigarette an, knapp unterhalb seiner Glatze. Fiese Glatze. Arme Glatze. Mitgleidsglatze.

panther.jpg
Nachts sind alle Katzen pink
. (Foto: P. Pilz/stock.xchng)

Hundertfuffzich soll so ein Türsteher an einem einzigen Münchner Abend verdienen, hat mal jemand erzählt. Quark. Glatze sieht nicht mal richtig kräftig aus. Und ist ja nur ein cleiner Club, der Club. Gymnasiastenladen. Da kotzt höchstens mal einer vor die Tür. Aber zum Kotzen und Bieseln und Grölen und sonst noch was schickt die der Türsteher eh in einen der benachbarten Hinterhöfe. Fiese Glatze. Ach was: Arme Glatze. Von wegen hundertfuffzich Euro! Die ganze Nacht blöd rumstehen. Gymnasiasten haben Durchhaltevermögen. Und Zeit. Oft bis um fünf in der Früh. Arme Glatze.

Ist ja auch nicht immer so klimaerwärmt wie in den vergangenen Nächten. Da friert Glatze dann sicher. Und steckt sich geschwind noch eine Kippe ins Gesicht. Glatze raucht Kette. Dreht sich einmal um sich selbst. Kurzer Wiegeschritt. Die Musik von drinnen wummert gegen die Tür. Keiner da im Moment, keiner draußen. Alle drinnen. Glatze langweilt sich. Und trotzdem ist Glatze nervös.

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf - Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

(Rainer Maria Rilke - Der Panther, 1902)

Lernt man am Gymnasium. Vielleicht hat Glatze ja selber mal Abi gemacht. Und dann hat ihm jemand erzählt: Hundertfuffzich pro Abend. Quark. Wir haben Mitleid. Wir haben Mitleid mit uns selbst. Kriegen um zwei Uhr zwanzig nachts noch immer kein Auge zu und glotzen vom Wohnzimmerfenster aus auf einen Typ mit Dreiviertelhose und kahlem Schädel herab, der gerade wieder einen Schwung lauter Jugendlicher in unseren Hinterhof hat laufen lassen. Fiese Glatze. Blöde Glatze. Hausmusik.

18. Juli 2007 mawa 5 Kommentare

Burgermeister

Also, jetzt sind wir aber mal ein bisschen beleidigt: Am Mittwoch dieser Woche haben wir auf dem von uns allerhöchstgeschätzten, wahrscheinlich schönsten (ohne Flachs!) und mit Sicherheit erfolgreichsten Münchner Blog ever, delicious days, einen Kommentar hinterlassen. Der ist erst einmal, was bei einem sehr stark frequentierten Blog durchaus legitim ist, in der Warteschleife verschwunden. Aus selbiger ist er dann allerdings leider nie wieder zurückgekehrt. Es klafft nach wie vor ein Loch - unser Loch! - unter einem, naja, etwas beliebigen, Kommentar, der da lautet: “When I was a kid I lived in Woodstock, GA and my family had a boat down on Lake Laneir. We were always grilling burgers on the beach. Thanks for reminding me!”? Was haben wir bloß falsch gemacht?

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Grillfleisch oder Müllverbrennung? (Foto: J. Freeman-Woolpert/stock.xchng)

Come clean

Aber der Reihe nach: Was haben wir überhaupt gemacht? Wir haben zu einem netten delicious days-Artikel über den stylishen Late Night-Imbiss “Cosmogrill” nahe der Oper (I’m loving the adress: Maximilianstraße, Rückgebäude) angemerkt, dass die in der Fotostrecke abgebildete Werbung des Edel-Mc’Do verdammt stark an die der Münchner Müllabfuhr (vulgo: Abfallwirtschafts-
betrieb München) erinnert. Ihr wisst, wovon wir reden: Die großartige “Müll besser trennen”-Kampagne, die seit dem vergangenen Jahr auf Müll-Trucks, Plakaten, Postkarten und Bierfilzln propagiert wird. Einzelne Wörter werden dabei sehr nett zerhackstückt: “Boxers-Hort”, “Topfpf-Lanze”, “Hutsch-Achtel” oder “Preiss-Child” sind nur ein paar Beispiele. Eine der besten Werbe-Ideen, die wir je gesehen haben!

Abgekupfertes bitte in die Sondermüll-Tonne

Nun mag sich das auch die Hack-Braterei gedacht haben und die werbliche Nähe zum Entsorgungsbetrieb wird entweder darin begründet sein, dass man sich dieselbe Kreativagentur teilt (wir stellen uns da glückliche Glockenbachler mit Designer-Radl und Hornbrille vor) oder darin, dass der eine vom anderen ganz schlicht abgekupfert hat. Eigentlich ist’s uns auch reichlich bratwurscht, wir stellen hier (weil auf delicious days ham’s uns ja nicht gelassen) nur abschließend fest: Ein Burger ist ein Burger ist ein Burger. Auch als Luxus-Ausgabe seiner selbst ist er kein, sagen wir mal, Vollkornbrötchen mit Frischkäse. Ein Burger ist, da mag man ihn noch so oft auf dem Grillrost drehen und wenden in, erster Linie: Junk. Und Junk ist Müll. Der Kreis schließt sich. Nennen wir’s: Recycling!

13. Juli 2007 mawa 5 Kommentare

Auslese

Kennst das, diesen inneren Drang, dieses bildungsbürgerliche Pflicht-
bewusstsein, ein Buch nicht eher zur Seite zu legen, als bis du’s zur letzten Seite durchgelesen hat? Auch wenn es quälend ist, keinen Spaß mehr macht, wennst dich nur noch ärgerst über Nebensatz-Gewitter, Formulier-Firlefanz und bucklige Beschreibungen. Von masochistischem Eifer getrieben, wiederstehst du trotzdem dem Drang, prekäre Passagen einfach zu überspringen. Zückst vielleicht sogar noch einen Stift, um besonders blöde Bagatellsätze anzustreichen. Hauptsache, du gibst nicht vor dem Ziel auf. Und sei es nur, um dann gegenüber deiner Lieblingsbibliothekarin damit zu prahlen, dass du ein extra ekliges Stück bedruckten Papieres gefressen und verdaut hast.

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Immer an all die Bücher denken, die man stattdessen lesen könnte!
(Foto: G. Tamin/stock.xchng)

Kanon-Könige kapern

Wir sagen: Schluss damit! Let’s cut the crap! Überwinden wir endlich das Zauberberg-Symptom (Thomas Mann ist ein hervorragendes Beispiel: grad der Kanon-König hat es nicht verdient, dass wir seine prätentiöse Patrizier-Poesie bis zum erbaulichen Ende durchhalten). G’schertes Geschreibsel gehört in die Ecke gepfeffert! Denn: Selbst ein manischer und noch dazu schneller Leser kann in seinem Leben grad mal ein paar Tausend Bücher schaffen. Da ist keine Zeit für Überflüssiges. Wie zum Beispiel, und da wären wir beim Thema Isarstadt, den Roman “München Blues” von Max Bronski.

Die Kunst des Weglegens

So schnell mit dem Weglegen, mit dem Blätter-Blues waren wir selten. Schon die ersten Seiten des Krimis ließen Übles vermuten. Dünnbeinige, aber auf Stelzen dahergetragene Sätze. Vorhersehbares und Tausendmalgehörtes. Schale Scherze. Lokalkolorit ick hör dir trapsen. Ani für Arme. Hochstapler-Haas. Ein Urteil, das wir uns bereits auf Seite 20 gebildet haben. Zu früh? Muss man da nicht durchhalten, den lobenden Rezensionen Glauben schenken (von denen es einige gibt und die auch dazu geführt haben, dass wir uns das Buch zum Geburtstag gewünscht und geschenkt bekommen haben) und darauf vertrauen, dass alles besser wird, dass doch noch eine überraschende Wendung kommt, die einen für weitere hundert Seiten lange poetische Pein entschädigt? Nö! In der Zeit, in der wir uns durch den öden Blues durchgeschwitzt hätten, haben wir lieber zum nächsten, im übrigen großartigen München-Buch (“Marienplatz” von Stefan Weigl) gegriffen. Und das mit dem allerreinsten Gewissen.

11. Juli 2007 mawa 7 Kommentare

Last night Dirk Wagner saved our lifes

Lang genug ist’s her, dass wir unseren Lieblingsradiosender M94,5 das letzte Mal in den Himmel gelobt haben. Sehr schön, dass sich nun ein passender Anlass für eine gepflegte Lobhudelei bietet: Am kommenden Samstag, 7. Juli, feiert der Über-Kanal im Ampere (Muffatwerk) Elfjähriges. Also, vorsicht: Im Folgenden wird nicht mit Superlativen gegeizt und wir betreiben mal ganz schamlos Personenkult. Ist für ‘ne gute Sache! Eine verdammt gute Sache.

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Die Gegend ist ein bisserl trist. Aber wir sind wegen dem guten Radio-
Empfang hergezogen. (Foto: M. Bretherton/stock.xchng)

Bayern 3 killed the Radio-Star

Mit seiner selten hippen, aber stets vogelwilden und immer wegweisenden Programmmischung hat M94,5 mehr zur Geschmacksbildung auch nur halbwegs musikinteressierter Münchner (eine Schande, dass das Programm nicht bayern- oder gar weltweit empfangbar ist! Naja, klar, Webradio, aber trotzdem…) beigetragen als der tägliche Zeitgeist-Frontalunterricht Marke Zündfunk. Mit missionarischem Eifer versuchen wir daher, alle Menschen dieser Stadt von dem absolut großartigen Potpourri aus Speed-Metal (großartig: die Sendung “Magic Moshroom” zum stilvollen Abendessen mit Cabernet und Kerzenschein), Salsa (kein anderer Sender dürfte es wagen, uns das Schmalzzeug vom “Calor Latino” vorzuspielen) oder mit französischem (Fake?-)Akzent vorgetragener Drum’n'Bass-Didaktik (”Breakbeat Action“) näherzubringen. Fuck Berührungsängste!

Not your average Gottschalk

Wir hören mit Begeisterung den oft stotternden, stöpselnden Zweitsemester-Studentinnen und Schülern mit Sendungsbewusstsein zu, um uns von der Überdosis Schmäh und Vienna-Coolness zu erholen, die einem FM4 regelmäßig um die Ohren haut. Und vor allem: Mit Dirk Wagner, dem “Kanalratten”-Moderator von M94,5 haben wir ungefähr zwanzig Jahre nach Gottschalk (verdammt noch mal, wir waren jung! Und wir wissen, dass es bei Euch genauso aussah!) endlich mal wieder eine Lieblings-Radiostimme. Wie man sagt, haben die beiden ja auch einiges gemein: Zum Beispiel die langen Haare. Aber seht (und vor allem: hört) selbst. Am Samstag im Ampere. Und jeden Tag auf der Frequenz M94,5. Versprochen?

5. Juli 2007 mawa 2 Kommentare

Help the Aged

Wir werden alt: Ein halbes Jahr alt. Anfang Januar ist der erste Beitrag auf isarstadt.de online gegangen, knapp 140 mal haben wir uns seitdem zu Wort gemeldet (vielen Dank an dieser Stelle allen, die regelmäßig oder auch weniger regelmäßig reinschauen, verlinken und kommentieren!). Ein Anlass zum Feiern? Aber immer! Allerdings müssen wir gestehen: Wir werden (ein bisserl) müde. Deshalb sind in den vergangenen Tagen und Wochen auch nicht mehr so viele neue Artikel erschienen wie in der Vergangenheit. Ein Grund: Der Day Job nimmt uns zur Zeit recht heftig in Beschlag. Und noch einer: An manchem Abend ziehen wir den Biergarten dem Computer vor. Wohnen ja nicht umsonst in der Isarstadt. (Ja, ja, natürlich könnt’ man auch unter Kastanien bloggen. Aber die Aussicht, von Touristen mit glasigem Blick geschulterklopft zu werden, “Kiek ma, so sin’se, die Bayern: Lederhose und Laptop”, ist wenig verlockend).

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Jetzt neu! isarstadt.de hat ‘ne Zielgruppe: Grumpy old men.
(Foto: C. Jurcut/stock.xchng)

Wir werden sonderlich: Die oben genannten Gründe sind es auch, die der isarstadt-Kolumne auf der jetzt.münchen-Seite in der Süddeutschen Zeitung relativ schnell den Garaus gemacht haben. Geplant waren mindestens zehn Folgen - wir haben aber bereits nach der zweiten (und einigen unveröffentlicht gebliebenen Geschichten) die Notbremse gezogen. Eigentlich doof. Vielleicht sonderlich. Hat man ja nicht jeden Tag, so eine Möglichkeit (daher auch an dieser Stelle nochmal: vielen Dank, Dirk, für die Chance!). Aber es musste sein. Es hat sich einfach nicht gut angefühlt: Neben dem Zeit-Problem haben wir gemerkt, dass es nicht klappt, dass es uns wenig Spaß macht, für eine Zielgruppe zu schreiben, aus der wir selbst schon längst herausgewachsen sind (bzw. überhaupt für eine fest definierte Zielgruppe - sin’ ja nich’ auf Arbeit hier, wa?). Siehe oben: Wir werden alt!

Wir werden weise: Vielleicht hat uns das Älterwerden aber auch ein Pfund Weisheit beschert. Die Weisheit zum Beispiel, öfter mal “Scheiß drauf!” zu sagen. Das letzte Wort zu diesem Thema haben die nicht mehr ganz jungen Hardcore-Heroen von NOMEANSNO, die diesen Dienstag im Feierwerk aufspielen: Das Cover ihres Best Of-Albums “The People’s Choice” ziert ein mit Edding gekritzelter Spruch, den wohl mal jemand an der Wand eines Backstage-Bereichs hinterlassen hat: “How fucken old are NOMEANSNO? Give it up Granddads”. Der ergraute Drummer der Gruppe, John Wright, hat seinen Kommentar direkt darunter geschrieben: “That’s ‘Great Grand Dad’ to you, Fucker!”

2. Juli 2007 mawa 20 Kommentare


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