München, 1. August 2007 mawa

Stadt Land Fluss

Sakradi, da ist er wieder: Der August. Und je älter wir werden, desto weniger mögen wir ihn. Haben schließlich in der Zwischenzeit gelernt, dass die Vorfreude auf etwas meist schöner ist, als die Sache selbst. Früher, ganz früher hätte der August bedeutet: Sommerferien. Heute sagt unser Gefühl eher: Das ist das Ende von etwas. Das Ende vom Sommer. Das vor allem im Kopf stattfindet. Überlegt’s doch mal: Warum kommt uns die erste laue Mai-Nacht wesentlich kuscheliger vor als mancher de facto wärmere August-Abend? Weil nach dem letzten Winter eben nicht vor dem nächsten Winter ist. Aber bevor wir jetzt hier den verfrühten Herbst-Blues besingen, gehn wir lieber noch mal g’scheid raus in den nächsten Wochen. Sommerfrischeln noch ein bisserl.

Country
God’s own Country? Lost Highway? Oder doch lieber Paradise City?
(Foto: G. Mills/stock.xchng)

Stadtstau

Überhaupt: Das Prinzip Sommerfrische. Kann jemand vom Lande eigentlich sommerfrischeln oder ist das ein Privileg des Städters? Wir vermuten: Es ist die ständige Anwesenheit von schattigen Häuserschluchten, dampfigen Büros und nach Norden ausgerichteten Schuhkasterl-Wohnungen, die uns Stadtmenschen wochenendlich den Ausstieg auf Zeit proben lassen (auch wenn wir die meiste Zeit im Stau auf der Asphaltpiste gen Salzburg verbringen und allenfalls mal an der Raststätte Holzkirchen aussteigen).
Es ist in unseren Gencode eingebrannt, dass wir uns am Montag vor den Kollegen damit brüsten, wer den verstecktesten Waldweiher gefunden hat. Wer den höchsten Gipfel erklommen hat. Wer den Ommas im Winklstüberl den größten Kuchen vor dem adipösen Naserl weggeschnappt hat. Und wer am schnellsten die Strecke bis runter zum Lago g’schafft hat (”Gardasee in zweieinhalb Stunden, wie hast des denn hinbekommen?” - “I sog bloß fourhundert Horsepowa from Stuttgart-Zuffenhausen” - “Ah, ja dann…!”).

Alternative Country

Und wenn’s uns mal wieder so richtig gepackt hat mit der Landliebe (Authentizität! Einfachheit! Back to basics! Alternative Country! Lasst uns Kühe züchten! Die Scholle mit unseren manikürten Fingernägeln durchgraben!), dann hegen wir sogar Migrationsideen. Warum nicht Miesbach statt München? Ist Neuhaus nicht mindestens genauso schön wie Neuhausen (und dabei viel, viel billiger)? Gibt’s da nicht den Kollegen X, der täglich aus Y herpendelt? Braun gebrannt ist der immer! Ein zäher Bursch’. Und so a schöner Dialekt!
Der Abgleich mit der Realität bringt uns freilich wieder auf den (geteerten) Boden: Magst wirklich drei Stunden täglich im Zug sitzen? Wie war das gleich mit dem Heuschnupfen? Warten die Leute auf dem Dorf tatsächlich auf einen klugscheißerischen, biofoodenden Städter mit Rollerblades und Fahrradkuriertascherl (der Stadt-Insignie schlechthin!)? Wie ist das mit den Herbst- und Winterdepressionen, wenn der Nebel vom See aufsteigt und über die Felder zieht? Oder sind das am Ende alles nur Bauernweisheiten?

Eintrag unter folgendem Thema abgelegt: Raus aus der Stadt, Stadtleben, Wohnen in München

10 Kommentare Auch einen Kommentar hinterlassen

  • 1. Frau B.  |  August 1st, 2007 at 09:23

    Tust du mich jetzt als klugscheisserischen Bio-Städter bezeichnen? Da fehlen mir die Blades und das Fahrradkuriertscherl dazu…

    Aber das mit den Migrationsideen kenn ich. Ja.

  • 2. redaktion  |  August 1st, 2007 at 10:53

    Nein, so war’s ganz und gar nicht gemeint. Täten wir uns nie trauen. Zumal wir ja selber so Vollkornbrösler und Reformhäusler sind! Es ging mehr um die in der Tat ganz schönen Kommentare, die auf Deinen Artikel hin kamen.

  • 3. Dorin  |  August 1st, 2007 at 12:05

    Die strahlende Wintersonne über dem Chiemgau ist doch auch weit schöner als die „gräusliche“ Münchner Smoghaube…

    Und natürlich würde die tägliche Pendelei nerven und stressen, aber man kann ja seine Datsche von Freitag abend bis Montag früh nutzen – das soll Wunder wirken.

    Keine Bar gegenüber, die Dir den Schlaf raubt, keine Wildpiesler, über allen Wipfeln Ruh’

  • 4. Mitzi  |  August 2nd, 2007 at 14:05

    Und wie kommt man günstig an so eine Datsche?

  • 5. Dorin  |  August 3rd, 2007 at 09:40

    Zettel an Bushaltestellen u.ä. auf dem Land verteilen – das soll funktionieren. Ansonsten übers Land fahren, herumfragen, immer mehr Bauern vermieten Einliegerwohnungen, Austragshäuserl…

    Oder Du schaffst Dir Freunde in den Münchner Medien- und Literaturkreisen. Wenn da mal wieder eine Ehe scheitert, wird die Datsche aufgegeben und Du kannst sie übernehmen.

    Die Mieten liegen im unteren dreistelligen Bereich.

  • 6. Swetlana  |  September 3rd, 2007 at 21:36

    Seid Ihr vollkommen ausgestiegen und lümmelt in Münchener Vororten auf fremden Schollen? Sommerpause? Sommerloch?
    Ich brenne darauf, dass meine Tage durch Eure Seite wieder versüsst werden!
    Ich bin wohl eine der Wenigen im Preussenlande, die sehnsüchtig auf news und infos aus dem Bajuwarenlande wartet!

  • 7. Frau B.  |  September 6th, 2007 at 10:44

    Also einen Monat Pause hab ich euch auch gegeben. Jetzt find ich sollte hier mal wieder was neues stehen…

  • 8. anonym  |  September 10th, 2007 at 13:50

    …oder ruht ihr euch auf euren loorbeeren aus?

  • 9. Marc  |  September 12th, 2007 at 13:25

    Zefix Lelujah… Jezat is ab langsam a moi wida Zeit zruckzukimma und wida wos gscheits zu schreibm!

  • 10. mawa  |  September 13th, 2007 at 20:37

    Ja, ja, Ihr habt ja Recht (und natuerlich fuehlen wir uns auch geschmeichelt, dass Ihr uns anscheinend vermisst, wenngleich wir uns keinesfalls auf Lor- oder sonst irgendwelchen Beeren ausruhen wollen). Bald geht’s weiter. Versprochen! Und danke fuer die Geduld!

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