Archiv für September 2007

Hau den Apostroph

Sakradi, da habt’s uns aber sauber erwischt! Obwohl wir selbstredend Feinde des sinn- und hirnlos eingesetzten Apostrophs sind (”Auto’s zu verkaufen”, oder noch schöner: “Frische Banane’n”), haben wir uns bis zum vergangenen Sonntag keine wirklichen Gedanken darüber gemacht, ob man die Wies’n nun mit oder ohne Hakerl schreibt (was uns im Nachhinein selber etwas wundert). Nachdem uns nun aber einige isarstadt.de-Leser in ihren Kommentaren zum Artikel “Wegen Gefühlen geschlossen” darauf aufmerksam gemacht haben, dass der Apostroph hier kreuzverkehrt sei, wollen wir der Sache als altgediente Lexikonanisten, die wir von jeher sind, doch mal nachgehen.

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Immer auf die Kleinen. (Foto: mawa/isarstadt.de)

Bier - Empore - Empirisch

Wir nähren nähern uns der Frage zunächst empirisch: Auf die Suchanfrage “Wiesn”, also ohne Apostroph, gibt Google 2.120.000 Treffer aus. Die gute alte “Wies’n”, wie wir sie bisher kannten, liefert lediglich 289.000 Antworten. Womit aber freilich noch rein gar nix bewiesen ist. Denn wie der Google-Algorithmus auf Satzzeichen reagiert, wollen wir ehrlich gesagt gar nicht wissen und auch keinesfalls erklärt bekommen (”Also, da gibt es diese mathematische Formel, zu deren Erklärung ich etwas weiter ausholen muss….”).

Oben ohne

Zweiter Schritt: Wir schauen mal nach, wie es andere machen. Die Süddeutsche schreibt’s ohne, ebenso machen es die in Rechtschreibungsfragen ja häufig aus der Reihe tanzende FAZ und sogar die Redaktoren der NZZ. Die geschäftstüchtigen Menschen, die sich - schätzungsweise in der Steinzeit des Internet - die Domain oktoberfest.de gesichert haben (die ProSieben-Tochter SevenOne Intermedia), schließen sich an. Ebenso die offizielle Site der Stadt München (und mit ihr der aufgrund seiner Amts-Seniorität schon im Anzapfen geübte Stadtschnauzer Ude) sowie das semioffzielle und nur zur Starkbierzeit erträgliche örtliche Trash-TV.

Oben mit

Oben mit macht es hingegen der auf der Festwiese vertretene Feinköstler Käfer. Und: Der (natürlich grottenschlechte) Tatort vom vergangenen Sonntag trug den schönen (und - wie wir hoffen - vom Krimiautor Friedrich Ani selbst ausgesuchten) und mit gleich zwei Apostrophen gesegneten Titel “A g’mahde Wies’n“. Etliche Medien geben sich uneinheitlich, da schreibt der eine so, die andere anders und manche verwischen sogar in ein und demselben Artikel oben mit und oben ohne. Womit unserem Forschungsanliegen auch nicht wirklich gedient wäre.

Etymo? Logisch!

Also versuchen wir’s zuguterletzt doch mal mit der Logik: Das vom isarstadt.de-Kommentator Oweh vorgebrachte Argument, das Bayerische sei keine Schriftsprache und bedürfe daher auch keiner überflüssiger Satzzeichen, klingt gut. Ebenso kann man anführen, dass ja im Kern der Sache keine “Wiesen” (Plural) stecke, sondern allein die einzählige Theresienwiese, was ein Apostroph nicht nachvollziehbar mache. So argumentiert im übrigen auch der SZ-Autor Hermann Unterstöger, der sich schon vor Jahren dem Problem gewidmet hat, damals allerdings noch über eine übermächtige “Wies’n”-Lobby klagte.

We stand divided

Angesichts dieser durchaus vernünftigen Argumente müssten wir uns eigentlich geschlagen geben und das Apostroph an der Gaderobe abgeben - bliebe da nicht das ungute Gefühl, dass es mit Hakerl doch irgendwie schöner, natürlicher, einfach gewohnter ausschaut. Hier in Bayern ändern wir doch nicht einfach etwas, bloß weil’s richtig ist (”Des war doch schon immer so! Basta! Wo kämen wir denn da hin?”). Und denkt’s doch bloß an all die Nicht-Native Speakers, denen wir die Aussprache durch das Apostroph erleichtern verbauen. Wäre das komplizierte und den Sprachfluss hemmende Satzzeichen nicht, hätten uns die Amis und Italiener und Australier doch schon längst die liebe Wies’n aus dem Mund geklaubt, statt sich weiterhin über unschöne Verrenkungen à la Beerfest zu disqualifizieren. Und irgendwo (spätestens nach zwei Maß) ist’s ja doch auch wieder wurscht, oder? Ruck ma halt z’am. Habe die Ähre!

27. September 2007 mawa 4 Kommentare

Ich komm heut später heim, Schatz

Eigentlich hätte an dieser Stelle ja ein übellauniger Verriss des gestrigen München- / Wies’n-Tatorts stehen sollen, bei dem vor allem zu wünschen gewesen wäre, dass der an sich sehr geschätzte Münchner Krimischreiber und Autor der Folge, Friedrich Ani, seine Mittäterschaft an den immer für eine Watsch’n guten Alan Smithee abgetreten hätte. Dann aber hat uns ein Artikel des Viel-Bloggers Dorin Popa doch wieder davon überzeugt, dass diese Welt eine gute ist. Eine Welt nämlich, in der es seit heute früh einen weiteren, einen neuen Bücherladen (Barerstraße 80) gibt. Und sogar einen Blog dazu.

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Who the f… is Billy? (Foto: Nina Hale/flickr CC)

Darf’s noch ein bisserl mehr Buch sein?

Wie seinerzeit schon mal auf isarstadt.de thematisiert, findet in Schwabing ja ein etwas seltsamer Prozess bei den Buchhändlern statt: Während die Geschäfte für Gedrucktes im direkten Dunstkreis der LMU immer mehr den Charme von Metzgereiauslagen nach Ladenschluss oder Kartonagenlagern ausstrahlen, liefern die nur ein paar Meter weiter westlich gelegenen Läden Zweitausendeins, Basis Buchhandlung oder Munich Readery (die an sich schon mindestens einen Blog-Eintrag wert wäre) manche Ausrede für verspätete Abendessen, vergessene Verabredungen oder einen dringenden Besuch bei Ikea (”Billy? Reihe H13, oben”).

Neuer Trend: Das Buch zum Blog

Nun also (auf der “richtigen”, der der Uni abgewandten Seite) auch noch der Blogger Buchhändler Dorin. 100 Tage hat er sich erstmal gegeben / genommen, der Laden in der Barerstraße 80 soll - Zitat - “nichts von Dauer” sein. Dann heißt es wohl schnell zuschlagen. Denn Bücher kann man ja nie genug haben. Buchhandlungen im Übrigen auch nicht. Wir drücken die Daumen!

24. September 2007 mawa 7 Kommentare

Wegen Gefühlen geschlossen

Hacker? Seit frühmorgens dicht. Paulanerturm? Kein Durchkommen. Lätsch’nbräu? “Wegen Überfüllung geschlossen”. Das Hofbräu-Zelt? Eine No-go-Area, sagt man (ausprobiert haben wir’s ehrlich gesagt noch nie). Schottenhamel, Schützenfesthalle? Naa, zum Kinderfasching und zu die Narben-Narren-Burschis (”Wo, werter Türsteher, geht es zur Boxe des Corps Diarrhoea?”) geh’ma ned nei. Und selbst wenn wir unsere Selbstachtung zur Disposition stellen wollten - wozu man ja auf der Wies’n durchaus mal bereit ist: Verschlossen sind die Türen da eh scho lang. Jedes mal dasselbe. Was nun? Runter von der Theresienwiese! Unser bester Wies’n-Besuch vom vergangenen Jahr hat uns - nach der üblichen Frust-Tour entlang der Zelt-Hintereingänge - Richtung Klinikviertel gespült.

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Was in aller Welt bedeutet “Schnudel”? Erst der dritte befragte Zuckerwatteverkäufer konnte uns aufklären, dass es eigentlich “Schuckl” heißen sollte. Ist ja langweilig. Wir haben’s dann doch lieber als “Schnudel” gekauft. Und freilich bis heute nicht gegessen. (Foto: mawa/isarstadt.de)

Is there a doctor in the Zelt?

Ein Geheimtipp ist es gewiss nicht, das Mariandl. Besser gesagt: Während des restlichen Jahres kennen wir das offiziell “Café am Beethovenplatz” benannte Lokal als zwar pupperlschönes, aber überteuertes Mediziner-Schicksen-Café mit zweifelhafter Service- und Speisenqualität. Zur Wies’n hingegen ist es grad recht: Wenn die Temperaturen wie im vergangenen Jahr mitmachen, gibt es keinen schöneren Platz als den Tisch ganz vorne an der Goethestraße im kleinen Mariandl-Biergarten.

And the wind cries Resi

Die Oktoberfest-Stimmung kommt auch hier noch - angenehm runtergebremst - in Form der aufgebrezelt zur Festwiese Pilgernden, der besoffenen Heimkehrer und der vom Wind vorbeigeblasenen Autoscooter-Ansagen an. Die Fahrrad-Rikscha-Fahrer treffen sich auf der Straße vor dem Café und raunen sich Horror-Geschichten von essenspuckenden Fahrgästen zu. Und die Servicemitarbeiter sind mindestens so zuvorkommend wie eine Wies’n-Bedienung, nachdem eine Gruppe Dänen laut nach ihr gepfiffen und dann “Resi” gegrölt hat. Ein bisserl Masochismus muss sein zur Wies’nzeit. Auf den ganzen Planungswahnsinn, der einem einen Platz im Zelt sichert, können wir aber gern verzichten.

21. September 2007 mawa 8 Kommentare

Der Grind

The Grind“, anybody? Musikfernsehen. Frühe Neunziger. Sehr schöne, sehr amerikanische Menschen. Hüft-Husten zu House-Humptata. Wie ein Unfall: Eigentlich grausig, aber wegschau’n tust trotzdem nicht. Dass der eigengeile Eiertanz ganz offensichtlich bis heute tief drin ist in der amerikanischen Seele, haben wir nun im eben vollendeten Urlaub vor Ort besichtigt. Und zwar nicht irgendwo, sondern beim Konzert der sehr geschätzten Berliner (!) Elektro-Chanson-Band Stereo Total (die übrigens online ein ganzes Album incl. Cover für lau anbietet) im ebenfalls sehr geschätzten Los Angeles (!!).

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Hyper, hyper! (Foto: mawa/isarstadt.de)

Booty-Bambule, Baby!
Als wäre diese Kombination nicht schon kurios genug (deutsche Band in Amerika - ohne dass das Goethe-Institut seine Finger im Spiel hat) gewesen, fingen die zahlreich anwesenden Indie-Hipster (Röhrenjeans, Chucks, teure Haarfrisur und billige T-Shirts, Brezel Göring-Lookalikes) irgendwann an, vor und schließlich auch auf dem Podest eben jenes Grind-Getänzel aufzuführen. Kurzum: Die Leute, die man hierzulande von ihrer Optik her eher auf Bambule bürsten würde, shaken dortzulande ganz ungeniert ihren Booty, so als wär’s ein Beyonce-Video. Und die beiden Berliner auf der Bühne? Feuern die Partypopper auch noch kräftig an, lassen ihre charmante, eigentlich ja charakteristische Boche-Bohème hinten runterfallen und machen einen auf frivol französisch. We’re in it for the Zielgruppe, baby!

Der Grinch grantelt

Uns als chronisch grantelnden Münchnern bleibt angesichts von soviel gänzlich ungewohnt ungehemmter Feierfreude freilich nur der Rückzug in die Grinch-Pose. Mit warmen Herzen denken wir an all die Konzerte in München, bei denen das Publikum allenfalls durch ein zaghaftes Fußzucken seine Sympathie mit der auftretenden Band bezeugt. Bei denen man lässig an der Bar oder hinten, in der Nähe des Sound-Pultes steht und verächtliche Blicke auf die paar jungen Dinger aus dem Umland wirft, die sich tatsächlich an der Bühnenkante ihre kleingeistigen Köpfchen blutig schlagen.

Heftpflaster

München gilt, so hört man ja immer wieder, bei Bands als härtest denkbares Pflaster. Um uns Metropolbayern hinterm Schnupftabakdoserl herzulocken, bedarf es schon einiger Akkorde mehr als etwa im sich eh selbst feiernden Berlin oder im energisch entspannten Hamburch. Indie übersetzt sich bei uns mit indifferent. Und über die Qualitäten einer Liveperformance können wir ja schließlich auch noch beim gemütlichen Sitz-Bierchen danach mit Spex-geschulter Analystenbrille befinden. Müssen das doch nicht vor Ort ausleben.

We invented Schunkeln!

Oder ginge es am Ende auch mal anders? Das auf Knopfdruck abrufbare MTV-Gehopse der Amis muss es ja nun wirklich nicht sein - und dass Stereo Total bei dem Konzert das eigene Image anhand der Zielgruppe feinjustiert haben, haben wir den beiden Musikern erst mal nicht so recht verziehen (wäre doch eine prima Chance gewesen, den Sound from Germany richtig schön zu positionieren). Aber vielleicht könnten wir ja auch in München mal dran arbeiten, in der Stadt gastierende Bands mit etwas mehr als einem stoischen Bierglasl-Blick willkommen zu heißen. Gegen den Grind in uns anzukämpfen. Und eigentlich täten wir uns ja auch freuen, wenn sich mal eine Gruppe aus dem Ausland so sehr auf uns einstellt, wie es die beiden Berliner in L.A. gemacht haben. Wenn Künstler mal mit dem Publikum kommunizierten, statt nur stumm zu schrammeln. Dass man selbst hierzustadt miteinander singen und tanzen kann, wird ja schließlich in den kommenden zwei Wochen beim alljährlichen Hardcore-Schunkeln zu besichtigen sein.

18. September 2007 mawa 1 Kommentar

Stimmen hoeren

So, nach langer Abstinenz nun ein kurzes Lebenszeichen aus dem Urlaub: Eben erst haben wir erfahren, dass jetzt.de eine Abstimmung zum besten Blog Deutschlands laufen hat (allerdings nur noch kurz - bis morgen, Freitag, 14 Uhr). Wenngleich wir isarstadt.de weder fuer das beste Blog Deutschlands halten, noch ernsthaft dran glauben, gegen Dickschiffe wie riesenmaschine, BILDBlog oder Spreeblick eine Chance zu haben, wuerden wir uns ganz g’scheit freuen, wenn Ihr isarstadt.de Eure Stimme gebt (und wir damit gemeinsam zeigen koennen, dass es auch jenseits der A-Blogger-Szene einiges Lesenswertes gibt).

Dafuer geloben wir auch, bald wieder aktiv zu werden, nicht zuletzt, um dem guten alten Dorin zu beweisen, dass isarstadt.de selbst schweigenderweise ganz a schoene Leich’ ist.

13. September 2007 redaktion 11 Kommentare


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