Archiv für Oktober 2008

Generation Lasso

Morgens in der S8 Richtung Flughafen. Neben uns. Im Gehege. Da, wo man steht, wenn man nicht sitzt. Ein Berg von einem Mann. Breit. Groß. Schwer. Eine schlammfarbene Carhartt-Jacke aus dickem Stoff, die mehr an die Working Man-Ursprünge der Marke erinnert als an ihr heutiges Urban Outfitters-Image. Eine Jeans mit Taillenweite 38 und Länge sicher 36. Auf dem Kopf ein Stetson-Hut und zu den Füßen - ohne Scheiß! - eine riesige, mit Kuh- oder Rind- oder Jungbullenfell bezogene Ledertasche. Vom Hals bis übers Schlüsselbein (das blassgelbe Hemd: weit aufgeknöpft) verläuft eine lange, tiefe, fiese Narbe.

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Get your kicks on… S8 zum Flughafen
(Foto: Marcello U./stock.xchng)

Und täglich grüßt das Büffeltier 

Viehzüchter-Style. Solche Typen wachsen nicht in Hausham, Holzkirchen oder Hinterfotzing. So einer wird am Ende der S-Bahn einen Flieger besteigen heim nach Ohio, Oklahoma oder Obama. Am Airport wird er Whisky duty free kaufen. Und dann noch eine Stange Lucky Strike ohne Filter. Und dann wird er auf seinem iPod Garth Brooks hören oder die Dixie Chicks oder vielleicht sogar die großartige Yonder Mountain String Band. Und dann an die vielen Viecher auf seiner Farm denken. Und dann an sein geliebtes Weib. Und dann an den stolzen, aufrechten Schwiegerpapa, der mal Sheriff war, bevor er Pastor wurde.

Komm hol dein Lasso raus

Und dann, und dann, und dann greift der Mann, um 9 Uhr morgens in der Münchner S-Bahn Richtung Flughafen, in seine Fell-Leder-Viehzüchter-Tasche. Und zieht daraus kein Flugticket hervor. Und keine Peitsche, kein Brenneisen, keinen Flachmann. Und keine Dolly Parton-Paperback-Biographie und keine Bibel. Sondern: Die Oktober-Ausgabe des NEON-Magazins. Titelthema: “Hast Du ein Geheimnis?” Wir wollen nicht erwachsen werden.

29. Oktober 2008 mawa Kommentieren

Extra unschuldiges Öl

Also, wenn jetzt hier irgendjemand noch einen Beweis dafür braucht, dass die Zeiten schlechter werden, dass wir alle den Gürtel enger schnallen und uns die Butter vom Brot nehmen lassen müssen, dass das Glas eher dreiviertel leer als halb voll ist, kurzum: dass es an allen Ecken und Enden rezessiert, inflationiert und kriseliert, wer all das noch nicht mitbekommen hat, der möge nur mal eben einen Blick werfen auf die neue Generation der Hugendubel-Tragetaschen.

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Läuft ois wie g’schmiert (Foto: G.-J. Blanchard/stock.xchng)

Zipfibob-Ersatz

Hat das Kulturkaufhaus seine Waren (also vornehmlich DVDs, Modezeitschriften oder Multimedia-Stadtführer - ab und an auch mal ein Buch) bis vor kurzem noch im Modell Superrobusta verpackt, wird einem seit Neuestem ein Tüterl der Marke Windig überreicht. In den guten alten Zeiten haben sich mit den dicken, schweren Hugendubeltüten Häftlinge aus St. Adelheim abgeseilt. Kinder haben sie im Winter als Zipfibob-Ersatz genutzt. Und die alte Irmi von Stand 53 am Viktualienmarkt soll der Legende nach in den Plastiktüten regelmäßig ihre Fracht von 130 Kilo Sieglinde festkochend von ihrem Bauernhof im Niederbayrischen bis nach München transportiert haben. Auf dem Kopf balancierend! Zu Fuß! Strumpfsockert! Und nach dem Kirchweihtag stets sturzbesoffen!

Extra Vergine auf der Leopold

Aber natürlich müssen wir uns gerade in knappen Zeiten wie diesen sagen: Es ist nicht alles schlecht. Man bedenke: Plastiktüten werden bekanntlich aus Öl hergestellt. Wenn der Hugendubel nun also weniger Öl in seine Tascherln pumpt, dann bleibt mehr übrig für die Tankstellen - die bereits in der vergangenen Woche mit Schleuderpreisen reagiert haben. Und solange der Sprit billig ist, solange wir Münchner also weiterhin ganz easy in unseren SUVs und Zweit-Minis und Dritt-Cinquecentos die Leopoldstraße auf und ab zuckeln können, gibt’s doch auch keine Krise. Oder?

26. Oktober 2008 mawa Kommentieren

Pudel vs. Rauhaardackel

Hafenstraße vs. Maximilianstraße.
Fischmarkt vs. Viktualienmarkt.
Albers vs. Sedlmayr.
Schill vs. Seehofer.
Moinmoin vs. Servuspfiatdihabedieehre.
Pfeffersäcke vs. Weißwürschte.
Deich vs. Kindl.
Hamburg vs. München.
Golden Pudel Club vs. Rote Sonne.

Pudel
Walk like a panther tonight (Foto: thruhike/flickrCC)

Augustiner-Achse

Am Samstag treten im Neuen Haus der Kammerspiele erprobte Elbe-Entertainer aus dem oben genannten Club gegen Münchner Musikaufleger an: City-Battle nennt sich das und irgendwie hofft man da eher auf Völkchen-Verständigung denn auf bloody Fingerhakeln, denn der honorige Hamburger Schuppen gehört zweifelsohne zur Achse des Guten. Und das nicht nur, weil’s dort Augustiner zu trinken gibt (ja! ehrlich! in Hamburg!).

Der süße Duft der Anarchie

Der Laden ist ja bekanntermaßen im Umfeld der Goldenen Zitronen angesiedelt und wie unschwer zu erraten, hat bei dem Ausflug an die Isar mal wieder der Kamerun Schorsch seine Finger mit ihm Spiel. Im Oktober und November holt er unter dem kryptischen Titel “Ninfo / No Info” nette Menschen wie seine Kumpels Jacques Palminger und Heinz Strunk, die Oberschwurbler Dietmar Dath und Diedrich Diederichsen oder den Ösi-Myspace-Hype Soap&Skin nach München. Wir müssen zwar gestehen, dass wir nicht immer alles kapieren, was die Hochkultur-Fraktion der Zitronen da so auf Bühne und Tanzboden bringt, aber wir sind dem Herrn Kamerun schon allein dafür dankbar, dass er mit seinen Programmen immer wieder ein bisserl Underground-Odeur in München verbreitet. Fisch vs. fesch.

Disclaimer: Nein, wir loben hier den goldenen Pudel nicht bloß deshalb in den weiß-blauen Himmel, weil Lisa Sonnabend vom muenchenblogger isarstadt.de mal quasi in einem Atemzug mit dem Hamburger Club genannt hat. Eine Hymne auf den Pudel gibt’s ja eh schon längst (großartig! anhören!).

23. Oktober 2008 mawa 3 Kommentare

So jung komm’ wir nicht mehr z’am!

Wir war’n auf ‘ner Ü 30-Sause. Mal wieder. Nein, nein, bevor jetzt falsche Gerüchte entstehen: Es war keine von diesen Veranstaltungen, wo man bei Fingerfood und Großküchen-Cocktails für ein paar Stunden das Büromäuschen-Dasein hinforttrinkt und sich - wenn’s für verzweifelte Körperlichkeit nicht mehr gelangt hat - zum Abschied statt der Hand eine Visitenkarte reicht. Sondern: Beim Calexico-Konzert in der Muffathalle vergangenen Donnerstag. Beim angry old man Henry Rollins Anfang dieses Jahres. Und bei Lambchop im Amerikahaus (!) am 9. November wird’s ähnlich aussehen.

� 30
Fade to grey (Foto: studiospecialplace/flickr CC)

Live on stage: The Alpecins

Bislang haben wir ja gedacht, dass nur in der konzertanten Abteilung der Geriatrie (Stones, R.E.M., Fendrich, Slayer) das Durchschnittsalter Gasteig-Niveau hat. Mittlerweile müssen wir aber feststellen, dass auch auf den von uns frequentierten Kulturveranstaltungen immer seltener Menschen mit noch vollem Haupthaar anzutreffen sind. Wobei wir die Ü 30-Kategorie durchaus zu schätzen wissen: In der Regel geht es top-pünktlich los, müssen ja schließlich alle am nächsten Tag arbeiten oder das lang ersehnte Wochenende sinnvoll nutzen (bei Calexico war die Vorgruppe tatsächlich wie annonciert um Punkt 20.30 Uhr auf der Bühne / Rollins hat sogar ein bisserl zu früh gestartet - vor bestuhlter Halle!).

Let there be Ruhepause

Auch olfaktorisch und haptisch weiß das gesetztere Publikum zu punkten: Die Menschen neben einem riechen nicht mehr so sehr nach Schulturnhalle. Länger als drei Minuten schafft’s kaum einer, blöde auf und ab zu hüpfen. Und es kommt eher selten vor, dass man eine durchgeschwitzte Langhaarfrisur ins Gesicht geprügelt bekommt (Grund siehe oben). Bei soviel Harmonie fehlt nur noch eins: Kontrastprogramm. Wir sehn uns in zwei Wochen bei Kittie im 59:1!

19. Oktober 2008 mawa Kommentieren

This Landler is your Landler

Früher, wir war’n ja so jung, wir war’n so unerfahren, früher sind wir zu Konzerten immer mit ordentlich Verspätung hin. Weil die auftretenden Rocker und Roller ja schon allein ehrenhalber auf’s retardierende Element setzen. Weil sie wegen dem ganzen Sex’n'Drugs-Dings vergessen, rechtzeitig auf ihre Armbanduhren zu blicken und pünktlich auf der Bühne zu erscheinen. Und weil üblicherweise ja auch noch eine Vorgruppe vor kommt, für die wir zwar quasi mitgezahlt haben, die wir aber schon allein ehrenhalber scheiße finden.

G Rag
Vorband. Vorfreude. Die Dos Hermanos. (Foto: H. Keller/gutfeeling.de)

Doofer Vogel Jugend

Oh, Du süßer doofer Vogel Jugend - mittlerweile haben wir natürlich kapiert, dass das Zuvor oft besser, mindestens aber gleich gut ist wie das Hernach. So haben wir zum Beispiel vergangenes Jahr bei Kristin Hersh in der Muffathalle die schöne Vorgruppe The McCarricks kennengelernt. Oder: Wir haben die diesen August beim Fun for Free auftretende Hauptgruppe wegen absoluter Irrelevanz schon wieder verdrängt, dafür aber die aus München stammende One-Man-Vorband Return to Reno in unser Herz geschlossen (die CD “Renozeros” sei hier dringlich empfohlen!).

Vor(alpen)glühen

Und nu werden wir am kommenden Donnerstag ganz, ganz pünktlich in der Muffathalle zum Calexico-Konzert erscheinen. Denn da glühen vor: Die Dos Hermanos, eines der unzähligen Seiten/Sonder/Spalter-Projekte des großen, irgendwo zwischen Country und Cajun, Weltmusik (der guten Sorte) und Landler beheimateten G. Rag y los Hermanos Patchekos-Imperiums. Die sympathischen Münchner Musikanten treten zwar so ziemlich jeden dritten Tag irgendwo in dieser Stadt auf (häufig sogar für lau) - da es sich aber um eine ausgesprochene Live-Kapelle handelt, die sich nicht mit dem Runternudeln der ewig gleichen Playlist begnügt, lohnt jedes einzelne Konzert. Das einzige, was uns bitte mal jemand sagen muss: Was heißt eigentlich “Patcheko“?

13. Oktober 2008 mawa 3 Kommentare

Isar-Shoegazing

Mal wieder ein München-Spiel (es sei an dieser Stelle an unsren letztjährigen Vorschlag erinnert). Was für die letzten warmen Tage. Wir nennen’s Isar-Shoegazing. Und das geht so: Wir starten zwischen Maximilians- und Ludwigsbrücke und gehen flußaufwärts bis hinter die Tierparkbrücke. Gehen immer entlang der ufernahen Trampelpfade. Und dechiffrieren dort den vergangenen Sommer: anhand der ins Erdreich gedrückten Bier-Kronkorken. Denn die sagen einiges aus über das Leben in den Vierteln, die sich - für uns von diesem Standort aus unsichtbar - entlang des Isar-Ufers erstrecken.

Kronkorken
Was vom Sommer übrig blieb (Foto: J. Noer/stock.xchng)

Schwabensekt und Preißnplörre

Quatsch? Nö. Funktioniert wirklich. Beginnen wir beim Startpunkt: Hier herrscht ein wildes Durcheinander an Kronkorken, soll heißen: verkonsumierten Bier-Marken. Logisch: Hier trifft sich ganz München, hier ist jeder mal gewesen - und sei’s nur zum eher lauen Brückenfest. Dann, ab der Corneliusbrücke: Beck’s, Beck’s Gold, Beck’s Green Lemon, Tannenzäpfle, Tegernseer. Wir analysieren: Hier trinkt man nicht irgendwas, sondern gerne das, was grad im Trend ist. Oder was einen an die Heimat (Schwaben, Norddeutschland anybody?) erinnert, die man für ein paar Jahre verlassen hat, um in der Isarstadt an der Kunstakademie oder der Modeschule zu studieren oder eine weitere Kneipe streng nach Wallpaper-Bausatz aufzumachen. Glockenbach? Au? Obviously.

Was das Lätschnbräu zu uns spricht

Erst wenn Augustiner endlich die Oberhand gewinnt, fühlen wir uns richtig daheim in München. Ein bisserl Lätschnbräu mischt sich dazwischen, ein wenig Hacker (formerly known as the proud purveyors of Nährbier). Was Löwen halt so trinken (einer Studie zufolge stehen Fußballfans so stark hinter den Sponsoren ihres Vereins, dass sie alles essen / trinken / kaufen, was der bewirbt - auch wenn ihnen was andres eigentlich besser schmeckt…). Unsre Kronkorken-Soziologie verrät uns: Wir befinden uns unterhalb von Giesing.

Naked men only drink Selbstbräunungscreme

Am Flaucher schließlich zeigt sich ein weiterer Vorteil der gebückten Shoegazer-Haltung, des gen Boden gerichteten Blicks: So müssen wir all die nackerten alten Männer nicht sehen, die sich dort ein letztes Mal in diesem Jahr naturrösten. Interessant wird’s dafür wieder ganz nah an der Tierparkbrücke: Hier haben offensichtlich marketingresistente Zeitgenossen getrunken, Menschen, denen es mehr auf den Inhalt ankommt als auf die Verpackung. Und die man wohl als Vielnutzer klassifizieren könnte. Die unbeschrifteten Kronkorken lassen vermuten: Bayernhalbe, Öttinger & Co. Na dann: Prost. Bis zum nächsten Sommer!

9. Oktober 2008 mawa Kommentieren

Der Videostüberl-Komplex

Aus is. Schluss is. Ja, ja, auch die Sache auf der Theresienwiese. Aber die meinen wir jetzt gar nicht. Sondern: Die Münchner Volkshochschule für Film. Die Filmpassage am Isartor. Die vergangene Woche ihre Türen geschlossen hat angekündigt hat, in Kürze ihre Türen zu schließen - wahrscheinlich für immer. Nachdem schon im April die anglophile Videothek Missing Image in Schwabing dicht gemacht hat, schaut’s nun recht schlecht aus für Leute wie uns, die Filme tendenziell nicht drei Mal hintereinander schauen (denn: es gibt viel zu viele gute Filme da draußen, als dass man sich zu lange mit einem einzigen aufhält!). Und die DVD-Verpackungen ästhetisch eher bäh finden. Die also lieber leihen anstatt zu kaufen.

Vorhang
Der letzte Vorhang? (Foto: J. Gawron/stock.xchng)

Symptom: Couch-Cinephilie

Bevor wir jetzt hier allerdings ins große Weh-Geschrei verfallen, müssen wir natürlich ganz ehrlich zugeben, dass wir Filmpassage und Missing Image auch zu deren Lebzeiten eher sporadisch genutzt haben. Denn das Blöde bei so Leihläden ist ja: Wenn’st da nicht grad um die Ecke wohnst, ist’s ein ganz schönes G’schiss mit Hinfahren - heimfahren - zur Rückgabe wieder hinfahren - wieder heimfahren. Worauf es für den Cinephilen mit gelegentlichem Couch Potato-Anfall also eigentlich ankommt: Den local videostore in seinem Viertel, der bittschön ordentlich sortiert sein sollte. Und es freilich selten ist.

Filme aus dem Viertel

Nu haben wir uns zum Glück auch in unserer neuen Hood in eine Videothek verirrt, die zwar von außen eher mit dem üblichen Videostüberl-Anblick abschreckt, mit einem kuriosen Namen verwirrt (”Video Actuel” - wieso das “c” im Namen?) und auf ihre Mitgliedsausweise Bildchen von längst verglühten Filmsternchen druckt (Julia Roberts! Winona Ryder! Ehrlich: Winona Ryder!). Die dann aber mit einer recht schönen Arthouse-Auswahl und deutschem Kino abseits der Keinohrhasen überzeugt. Solch einen Laden gibt’s wahrscheinlich in jedem Münchner Viertel. Nur: Filmklassiker, die gesammelten Werke eines Regisseurs (Filmpassage!) oder Serien (Missing Image!) finden wir auch hier nicht. Müssen wir also doch drauf hoffen, dass man endlich im Internet Filme ordentlich runterladen kann? Wenn eine Industrie schon kaputt gemacht wird, dann richtig?

5. Oktober 2008 mawa 10 Kommentare


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