Into the wild
Die Stadt. Ziel der Begierde. Selbst die früher als klassische Speckgürtler qualifizierten Doppelverdiener und Jungfamilien wollen heutzutage in der City leben. Wollen nicht nur Kita und Ki-Ba, sondern auch Kneipe und Kiosk und Konsum und Kultur in Gehweite haben. Was ist mit dem einstigen Ideal von Gartenhobbyraumgästeklo? Ach, sooo wichtig ist das gar nicht. Man kann ja nicht alles haben. So weit, so gut. Manchmal allerdings brennt bei den domestizierten Suburbanisten dann doch eine Sicherung durch und sie lassen ihren naturnahen Urinstinkten (bitte wie folgt lesen: Ur-Instinkten) freien Lauf.

Das ist doch der Wipfel! (Foto: Stefanie L./stock.xchng)
Light my Adventskranz
In der Vorweihnachtszeit, noch vor’m ersten Lichtlein, äußert sich das beispielsweise in der verzweifelten Suche nach Nadelgewächsen in Freilandhaltung, aus denen sich ganz old fashioned ein Adventskranz flechten lässt. Einer, der eben nicht vom Tenkelmann kommt, sondern frisch vom Baum. Nur: Woher sollst es nehmen, das Grünzeug, in der doch eher tannen-armen Innenstadt? Da musst halt improvisieren, mag sich ein offensichtlich DIY-erprobtes Pärchen gedacht haben, das wir gestern Nachmittag im Gestrüpp vor der Alten Pinakothek beobachtet haben.
Teilzeit-Thoreaus
Tatsächlich bereits mit einem Strohgebinde aus dem Bastelladen unter’m Arm, grasten die gepflegt wirkenden Golf-Generationisten beflissen die bodennahe Botanik nach Verwertbarem ab. Wären wir vom Anblick des seltsamen Treibens nicht quasi paralysiert gewesen, hätten wir den Teilzeit-Thoreaus am liebsten zugerufen: “Nein, tut das nicht!”. Denn uns grämt die Vorstellung doch sehr, dass jetzt heute zwei liebe Mitstädter - die offensichttlich von Tanninen und TANs und Tanning-Cremes mehr Ahnung haben als von Tannen - einen räudigen Kranz aus Kraut und Kieseln und Kronkorken auf dem Küchentisch liegen haben werden, der obendrein einen saftigen Odeur von Hundekot und nasser Erde verströmt. Oh my gosh, my golly!
30. November 2008 mawa Kommentieren