Archiv für Januar 2009
Wo München an einem sonnigen Samstag so richtig bei sich ist: Im Tambosi am Hofgarten? Beim Schumann in der Tagesbar? Im E-Garten oder im Nymphenburger Park? Im Ruffini oder beim Shoppen im Glockenbach? Hmm. Ja. Auch. Aber so richtig, richtig bei sich ist diese Stadt: Bei Mr. Wash an der Landsberger Straße. In der Autowaschanlage lassen sich die Herrschaften (und es sind wirklich fast ausschließlich Herren) aus den besseren Vierteln Münchens am Wochenende ihre Karossen für den Beauty Contest nächste Woche in der Firmen-Tiefgarage g’scheit aufbrezeln.

Oh lord, won’t you buy me… (Foto: mawa/isarstadt.de)
Lack-Liebkosungen und Geweihpflege
SUVs und Firmenwagen und Oberklasse-Familienkutschen, Stern und Propeller und Geweih, man trägt Tod’s und den Pulli von Polo und Föhnfrisur und lässt sich von jungen Männern (wie gesagt: it’s a man’s world) aus fernen Ländern mal ordentlich, ähem, die Stoßstange polieren. Der 5-Euro-Standard (einmal durch die Waschstraße) ist was für’s Proletariat, wer etwas auf sich hält, wählt neben der Unterbodenpflege mindestens noch das Lederprogramm für ‘nen Fuffi. Um hundert Euro gibt’s Lack-Liebkosungen obendrauf - es stehen bereits einige Herren Schlange und die Jungs mit den Lederlappen halten Türen auf und Hände hin.
Para-Urbanität
Eine seltsame Szene - und doch auch irgendwie faszinierend. Die Landsberger Straße in ihrer schillernden Para-Urbanität ist eh eine Sache für sich. Die Aneinanderreihung von Autohäusern, Supermärkten und Fast Food-Klitschen wirkt fast amerikanisch: Eine typische Ausfallstraße, ein gesichtsloses globalisiertes Etwas. Und etwas amerikanisches hat auch die verdichtete Dienstleistungs-Gesellschaft beim Autopolierer. So nah sind sich der King of the Road und sein Knecht selten, so eng beinand’ sieht man Harlaching und Hasenbergl nicht oft. Gleich um die Ecke ist eine Haltestelle vom MVV. Wer keinen Wagen hat, spart sich die Wäsche.
24. Januar 2009
mawa
“Alles im Garten stirbt ab, so eine Jahreszeit ist das gerade. Lila Mae knirscht in einem der geheimen Gärten der Stadt auf Mr. Reed zu. Die gleichmütigen Wächter (viktorianische Reihenhäuser aus mauem, braunem Stein) kehren ihr den Rücken zu. Dieser Eindringling hat ihren Segen, er hat eine amtliche Absicht, und auf den Straßen draußen gibt es Tausende von Neugierigen, denen der Zutritt verwehrt werden muss. Sollen sie bleiben, wo sie sind. Der sterbende Garten muss beschützt werden.”

Und dahinter ein Garten. (Foto: mawa/isarstadt.de)
Dreiviertel kalt
Gerade jetzt, im Herbstwinterfrühling, in diesen drei Vierteln des Jahres, in denen man sich mit hochgeschlagenem Mantelkragen an grauen Hauswänden entlangdrückt, in den kalten Knochen schon die Vorahnung der nächsten Straßenecke, an der einen der Eiswind wieder voll erwischen wird, in diesen Zeiten ist es ein kleiner Trost, sich die Welt hinter all den Gemäuern vorzustellen.
Billy und der Schneemann
Nein, nicht die Küchen und Schlafzimmer und die mit Freund Billy vollgestellten Wohnzimmer, sondern das, was dahinter kommt: die Innenhöfe. Die geheimen Gärten der Stadt. In denen es vielleicht auch jetzt etwas zu sehen gäbe - wäre uns nicht der Zutritt, der Blick verwehrt: Einen Schneemann zum Beispiel? Eine Collage aus mit Eisblumen übersäten Fenstern zum Hof (Quatsch - so was gibt’s doch heute nimmer)? Gefrorene Stalaktiten an einer vom letzten Nachbarschaftsfest stehen gelassenen Bierbank?
Bücher für Bäume zwischen Beton
In München hat’s ganz schön viele Hinterhöfe, allerlei Bäume, die nur die Anwohner kennen, Rasenflächen, kleine geheime Gärten zwischen den Blöcken aus Stein und Beton. Sogar auf dem Dach vom Gasteig wächst zwischen eigens angelegten Kieswegen Gras (gut zu sehen in dem Buch “München und Oberbayern aus der Luft” von Dirk Laubner, das wir mal irgendwo antiquarisch für ein paar Euro fuffzich mitgenommen haben). Bestimmt kommt irgendwann der nächste Sommer, in dem wir einen Klappstuhl in einen dieser Gärten stellen und ein gutes Buch mitnehmen. Bestimmt.
Als eben dieses gute Buch empfehlen wir übrigens “Die Fahrstuhlinspektorin” von Colson Whitehead, aus dem das obige Zitat stammt. Im Mai soll sein neuer Roman “Sag Harbor” erscheinen - bis dahin ist Zeit, seine (allesamt großartigen) bisherigen Bände zu lesen. Enjoy!
21. Januar 2009
mawa
Manchmal, da gerätst an einen Ort - mitten in München - der aus einer ganz anderen Zeit zu stammen scheint. Manchmal kommt’s dir vor, als wär’ ein Winkel der Stadt, sagen wir mal: im Jahr 1981, stecken geblieben. Als gäb’s all das moderne Drumherum nicht. Nehmen wir mal folgende Plakatwand in einer der Münchner U-Bahn-Stationen:

Like it’s 1981. (Foto: mawa/isarstadt.de)
Retro oder Asbach?
Während das Kammerspiele/Peter Licht-Plakat (das grüne links unten, das sich grundsätzlich prima ins Ensemble einfügt), noch klar macht, dass da jemand bewusst und intelligent und erfolgreich mit einem Retro-Look jongliert, sind wir uns scho’ bei der Kommödchen-Annonce nimmer so sicher. Da wird zwar auf Dustin Hoffman und Anne Bancroft und so weiter angespielt, so ganz schafft man aber nicht mehr den Bogen und dümpelt doch eher in der boulevard-theatrigen Asbachuraltigkeit davon.
Plattenbau-Archäologie
Richtig derbe Old School wird’s dann bei der Werbung für das schon immer etwas suspekt neben der schicken Pinakothek der Moderne herumlungernde hässliche Entlein “Reich der Kristalle”. In der Propagandaabteilung des wahrscheinlich bestpositionierten Plattenbaus und unbekanntesten Museums Münchens hat man ganz, ganz tief in die Mottenkiste gegriffen. Schon allein diese Schriften! Vielleicht sollte mal jemand auf die Wand schreiben, dass es sich hier um Events im München des Jahres 2009 n. Chr. handelt. Und nicht bloß um abstrakte Reißpapier-Relikte, die der Plakatkleber aus hunderten Schichten drüberliegender Poster herausgeschält hat. Obwohl: Archäologie ist’s so oder so.
14. Januar 2009
mawa
Du, sag a’mal, wann ha’m wir eigentlich des letzte Mal eine Filmkritik vom Althen Michael gelesen?
Schreibt der überhaupts noch? Macht der ned eher Filme jetzt?
Naa, der schreibt doch sicher noch für die Süddeutsche. Oder war’s die Fatz?
Ja, mei, mag scho sein. Aber wir lesen die SZ und die Fatz doch gar ned so regelmäßig.
Stimmt auch wieder.

Zukunft Zeitung: Macht sich gut als Wand-Deko. (Foto: S. Rohloff/stock.xchng)
Autor. Automatisch.
Weißt’ was, des wär doch eine Sache: Wenn’st die Zeitung immer nur dann bekommen tät’st, wenn da was von einem bestimmten Schreiberling drin steht.
Ein Althen-Abonnemang quasi?
Genau. Ein Autoren-Abo.
Ja, des wär’ a feine Idee!
Aber weißt was, auf derer ander’n Seite: Wär’ des dann nicht im Prinzip so was wie a …
Wie was?
Naja. Wie a Blog.
10. Januar 2009
mawa
Eigentlich halten wir uns ja für halbwegs wortgewandt. Sogar für einigermaßen kreativ, wenn’s drum geht, Buchstaben durcheinander zu würfeln und neu anzuordnen. Und doch wälzen wir nun schon seit ein paar Tagen (man könnte gar sagen: das gesamte Jahr lang) ein sprachliches Problemchen hin und her, ohne recht g’scheit draus zu werden. Und das kam so: Auf der Jahresend-Sause, der wir im “Ca Va” im Westend beiwohnten, wurde zu recht später Stunde recht feine Musike gespielt. Nur: Wenn wir den Sound in ein, zwei Worten zusammenfassen sollten, müssten wir schlichtweg passen. Dafür war’s eine zu breite Melange von Clash und No Means No über Blur bis hin zu Rihanna und ein bisserl HipHop.

Tapes’n'Tapes: Nimmt eigentlich heutzutage noch wer Songs aus dem Radio auf? Rather not. (Foto: mawa/isarstadt.de)
Abba bitte nicht sowas!
Soll’n wir’s “Best of 70s bis heute” nennen? Nee, das ist nun wirklich zu einfach, zu blöd. Und natürlich vollkommen subjektiv. Denn es gibt genug Zeitgenossen, die unter diesem Begriff auch Verbrechen an der Tonkunst wie Abba, Bee Gees oder “It’s raining men” verbuchen würden. Also vielleicht irgendwas mit “Classic …”? Naa, bittschön, so weit simma doch auch noch ned. Wir sind vielmehr: Ratlos! Da beruhigt es uns fast, dass es einem neuerdings im Münchner Netz empfangbaren Radiosender ähnlich geht. Wir haben “egoFM” am vergangenen Wochenende beim Neuordnen der Speicherplätze am Küchen-Radio entdeckt. Und finden nach wiederholtem Hören gar nicht so übel, was da jetzt auf der Frequenz 104,0 (wo einst “Radio Melodie” volkstümeln durfte) läuft.
Wer zweimal mit der selben frequent…
Nur leider tun sich die Radiomacher offenbar selber schwer, ihre Musikfarbe (so nennt man das doch, oder?) zu definieren - auf der Homepage sucht man vergeblich nach entsprechenden Hinweisen. Nur aus einem gegoogelten Interview mit dem Programmchef Jörg Landfried erfahren wir, dass man eine unverschämt junge Zielgruppe (14 bis 20 Jahre) im Auge hat. Und die bekommt eine gutgelaunte und nicht zwingend top-aktuelle Mixtur aus Indiepop, HipHop, Reggae, Electro-Nettigkeiten und dergleichen im Mainstream-Radio oft Unerhörtem auf die Ohren. Ist es nun ein gutes Zeichen oder eher “mission failed”, wenn der Sound auch bei uns, naja, nicht mehr ganz so jungen Menschen und erklärten M94,5-Jüngern ganz gut ankommt?
7. Januar 2009
mawa
Mei, Bappa, heit war’s gruslig! Heit war’s schee! Beim Perchten-Lauf in Eglharting. Was Landkreis EBE ist und damit nur knapp eine halbe Stunde von München entfernt. Wobei: Wer the real shit sucht, muss wahrscheinlich scho’ noch a Stückerl weiter aus dem Dunstkreis der Stadt herausfahren. In Eglharting fand der Raunacht-Zauber ein bisserl unromantisch zwischen den vierstöckigen Häusern einer 70er-Jahre-Siedlung statt.

Bad Hair Day? (Foto: mawa/isarstadt.de)
Scary Movie live
Wir erinnern uns, vor ein paar Jahren mal in Wörgl in Österreich beim Krampus-Rennen gewesen zu sein - das war dann doch noch eine Spur uriger, eine Spur derber. Soll ja auch kein Kinderfasching sein, die Veranstaltung. Wer sich auch noch mal g’scheit fürchten will, findet z.B. auf den Seiten des Bayerischen Rundfunks einige Raunacht-Termine bis zum Dreikönigstag (und auch Hintergrundinfos zum Brauchtum).
4. Januar 2009
mawa
Erinnert sich noch jemand an den Begriff vom “Tal der Ahnungslosen”? Damit war der Raum um Dresden herum gemeint, in dem man zu DDR-Zeiten aufgrund der geographischen Lage kaum westdeutsche Radio- oder Fernsehprogramme empfangen konnte. Wieviele Menschen das seinerzeit betroffen hat, können wir nicht sagen, sind aber ziemlich sicher, dass es keine fünf Millionen waren. Warum fünf Millionen? Weil soviele Leute heute in der modernen Version der Massenmedienlosigkeit leben. Soll heißen: Sie haben keinen g’scheiten Zugang zum Internet. Erst in diesem Jahr wollen die Konkurrenten der magentafarbenen Obersten Telefonbehörde Abhilfe schaffen - freilich auch nur unter der Voraussetzung, dass der Staat ordentlich Fördergelder springen lässt.

Ein ganz normaler Acker? Oder hat hier schon jemand Glasfaserkabel verbuddelt? (Foto: mawa/isarstadt.de)
Godzilla beißt bayrische Stromkabel durch
Nun könnte man natürlich sagen, dass es sich auch ohne Internet halbwegs anständig und gottesfürchtig leben lässt. Ist doch sogar beruhigend zu wissen, dass eine ganze Menge Leute quasi zwangs-clean bleiben und nicht Gefahr laufen, zu Leuten zu werden, wie wir es sind. Zu Medienjunkies, die schon allein bei dem Gedanken nervös werden, ein wie auch immer geartetes Unglück (Godzilla beißt bayrische Stromkabel durch, Piraten kapern alle auf Wordpress laufenden Blogs) könnte den eigenen Kommunikations-Radius auch nur für eine halbe Stunde beschneiden.
Böse Menschen gucken in die Röhre
Nun erfüllt das Internet heute aber in der Tat andere (wichtigere!) Aufgaben als das Fernsehen, von dem böse Menschen ja behaupten, es sei nur noch zu dem Zwecke in Betrieb, ein paar Doofe davon abzuhalten, doofe Dinge zu machen, statt vor der Kiste rumzulungern. Jeder von uns kann eine Handvoll Leute beim Namen nennen, die bewusst auf TV verzichten. Uns ist aber noch kein einziger untergekommen, der sich in freiwilliger Web-Abstinenz übt. Und ehrlich gesagt kennen wir auch niemanden mehr, der qua Wohnortwahl von den Delizien eines DSL-Zugangs ausgeschlossen ist. Wo also leben die oben genannten fünf Millionen Menschen? Doch sicher nicht bei uns in der Nähe. Oder doch?
Pflugscharen zu Modems!
Im vergangenen Sommer sind wir mal Richtung Niederbayern gefahren, zum hoch gelobten Flohmarkt in Pfaffenhofen/Ilm (der sich überhaupt nicht lohnt, außer man gehört zu einem geistig verwirrten Menschenschlag, der auf Kriegs-Devotionalien steht). Und haben uns gewundert, dass auf dortigen Wahl-Plakaten viel die Rede war vom “Internet für alle”. Da bist’ also grad mal eine halbe Autostunde von München entfernt, und schon landest’ in einem der neuen “Täler der Ahnungslosen”, in dem Internet-Sessions noch vom Flöten des Modems begleitet werden und in dem man sich seelenruhig die Zehennägel schneiden kann, während sich Pixel für Pixel die angesurften Seiten öffnen.
Auf einem alten Gaul durch’s Web
Stellen wir uns doch mal vor, in einem der Käffer dort gäb’s einen jungen Menschen, der sich nicht mit Stammtisch-Binge Drinking, dem Sprechen seltsamer Dialekte und nächtlichem Kühe-Kippen zufrieden geben mag. Der lieber Radio-Streams zum Beispiel von M94,5 hören, YouTube statt RTLII gucken und munter von Blog zu Blog hüpfen (und vielleicht sogar selber einen schreiben) würde. Der sich aber nur in Pferdekarren-Geschwindigkeit durch’s Web bewegen kann. Lebt der dann nicht heute weiter von der nächsten Großstadt, der Lebenswelt der Großstädter (ja, doch: Münchner sind Großstädter) entfernt als je zuvor?
2. Januar 2009
mawa