Archiv für März 2009

Binge Reading und die RAF

Manche Leute können nicht an einer Bäckerei vorbeigehen, ohne sich ein Stückl Kuchen mitzunehmen. Manche nicht an einem Biergarten, ohne sich eine Maß zu bestellen. Manche haben’s ganz maßlos mit der Schokolad’. Und andere mit dem Kauf von Fußbekleidung. Das Binge-Verhalten, das wir an den Tag legen, ist zum Glück weniger gefährdend für Gesundheit und Geldbeutel. Zwanghaft ist’s trotzdem: Wir können an keinem Buchstaben vorbeigehen, kein Wort links liegen lassen. Und ist’s noch so ein blödes Werbeplakat, ein orthographisch okkultes Graffito oder auch nur ein in einer Pfütze schwimmender Zeitungsschnipsel - wir müssen’s lesen. Geht nicht anders.

isarstadt.de Blog für München
… die Gegend ist im Kommen. (Foto: mawa/isarstadt.de)

Der Postbotewurfsender hat uns im Griff

Deshalb wandern bei uns all die Postwurfsendungen, die Stadtteil-Bladl und Werbebroschüren nicht direktemang in den Papierkorb, sondern werden treudoof durchgeblättert. Und wenn woanders was Schriftstückliches rumliegt: wird’s mitgenommen. Könnt ja was drinstehn. Und manchmal, ganz manchmal steht ja auch was drin. So wie im formidablen Stadtteil-Werbewurfdingens “Local Life”, das wilde Propagandabegleit-Prosa auf Hochglanz-Papier druckt. Dank der Jubeljournalismus-Gazette haben wir von einem höchst wundersamen Termin in unserem Kiez erfahren.

Der Ruffini Sappralott Komplex

Wir zitieren: “Stefan Aust liest - Der Baader Meinhof Komplex”. Naja, das ist noch nicht so spektakulär. Das macht der Herr Ex-Spiegel-Chef sicher seit Jahr und Tag. Aber wo: In der Stadtbibliothek in der Arnulfstraße 294. Wer bös ist, könnt’ jetzt sagen: Dafür, dass grad erst der Film zum Buch auf den großen Leinwänden lief, ist das doch, naja, eine eher kleine Nummer (beziehungsweise eine verdächtig hohe Hausnummer, wo doch die Arnulfstraße im Herzen der Stadt losgeht…).

Arnulfstraße is the new Schwabing. Oder so.

Weil wir aber nicht bös sind, sagen wir lieber: Ist doch schön, wenn ein bisserl Leben in die doch eher ruhige Gegend hier kommt. Und damit nicht genug: Wie uns eine weitere Publikation aus der “Local Life”-Liga, die “Elle” nämlich, in ihrem munter-mondänen München-Begleitheftchen verrät, kauft die Über-Akteurin Julia Jentsch ihre Bananen am liebsten im Bioladen gleich bei uns um die Ecke. Auf der Arnulfstraße. Es geht aufwärts!

20. März 2009 redaktion Kommentieren

Billy (ca. 2001, Preßspan, Acryllack)

Auf dem Kunstmarkt gibt es eine recht simple, aber stets effektive Methode, einem Werk oder gleich einem gesamten Künstler eine ordentliche Wertsteigerung angedeihen zu lassen: Man gibt ein Bild, eine Skulptur oder ein Video als Leihgabe an ein Museum. Oder noch besser: Man veranstaltet gleich eine Retrospektive. Und schwuppdiwupp, scho’ is’ der eben noch über dem heimischen Sofa hängende Schinken das Dreifache wert. Pinsel-PR. Maler-Marketing. Wie gesagt: Sehr effektiv, das Ganze.

ikea-lampe2.jpg
Wir sind dann mal in Eching, Spekulations-Objekte besorgen.
(Foto: N. Satria/stock.xchng)

Viren, die Klobürste

In diesem Sinne freuen wir uns schon wie d’Schnitzel auf die für April angekündigte “Democratic Design”-Schau in der Pinakothek der Moderne, die einem großen schwedischen Möbelhaus endlich die längst überfälligen musealen Weihen verleiht (und nebenbei die denkbar beste Propaganda für Herrn Kamprad sein dürfte). Wir setzen jetzt schon drauf, dass unsere alten Billys (für Kenner: wir besitzen noch ein zwei Exemplare der längst nicht mehr erhältlichen 60 cm-Modelle) in den Auktionshäusern dieser Welt Spitzenpreise erzielen. Dass Regal Robin und die Klobürste mit der passenden Bezeichnung “Viren” und die leider namenlosen Teelichter zu Sammlerobjekten werden.

L’art pour l’art

Und wenn wir scho’ dabei sind, könnte der Herr Schrenk, der neuen Pinakotheken-Chef, doch gleich noch unseren ebenfalls schwedischen Haus- und Hof-Couturier, den mit den zwei Buchstaben, auf den Kunst-Catwalk bitten. Ein bisserl grausen tut’s uns höchstens vor all den Groupies, die bald an unserer Wohnungstüre Sturm klingeln werden, um einen Blick auf’s skandinavische Interieur zu werfen und uns anschließend an die Wäsche zu gehen. Aber naja, was tust nicht alles um der Kunst willen?

By the way, noch ein Veranstaltungs-Tipp: Am kommenden Dienstag, 10. März, lädt der Zündfunk ins Café Muffathalle zur Diskussion “Wer kann sich die Stadt noch leisten? Wie Yuppisierung und Luxussanierung unsere Städte verändern”. Pflichttermin!

8. März 2009 mawa 5 Kommentare


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