Archiv 'Literatur'
Manche Leute können nicht an einer Bäckerei vorbeigehen, ohne sich ein Stückl Kuchen mitzunehmen. Manche nicht an einem Biergarten, ohne sich eine Maß zu bestellen. Manche haben’s ganz maßlos mit der Schokolad’. Und andere mit dem Kauf von Fußbekleidung. Das Binge-Verhalten, das wir an den Tag legen, ist zum Glück weniger gefährdend für Gesundheit und Geldbeutel. Zwanghaft ist’s trotzdem: Wir können an keinem Buchstaben vorbeigehen, kein Wort links liegen lassen. Und ist’s noch so ein blödes Werbeplakat, ein orthographisch okkultes Graffito oder auch nur ein in einer Pfütze schwimmender Zeitungsschnipsel - wir müssen’s lesen. Geht nicht anders.

… die Gegend ist im Kommen. (Foto: mawa/isarstadt.de)
Der Postbotewurfsender hat uns im Griff
Deshalb wandern bei uns all die Postwurfsendungen, die Stadtteil-Bladl und Werbebroschüren nicht direktemang in den Papierkorb, sondern werden treudoof durchgeblättert. Und wenn woanders was Schriftstückliches rumliegt: wird’s mitgenommen. Könnt ja was drinstehn. Und manchmal, ganz manchmal steht ja auch was drin. So wie im formidablen Stadtteil-Werbewurfdingens “Local Life”, das wilde Propagandabegleit-Prosa auf Hochglanz-Papier druckt. Dank der Jubeljournalismus-Gazette haben wir von einem höchst wundersamen Termin in unserem Kiez erfahren.
Der Ruffini Sappralott Komplex
Wir zitieren: “Stefan Aust liest - Der Baader Meinhof Komplex”. Naja, das ist noch nicht so spektakulär. Das macht der Herr Ex-Spiegel-Chef sicher seit Jahr und Tag. Aber wo: In der Stadtbibliothek in der Arnulfstraße 294. Wer bös ist, könnt’ jetzt sagen: Dafür, dass grad erst der Film zum Buch auf den großen Leinwänden lief, ist das doch, naja, eine eher kleine Nummer (beziehungsweise eine verdächtig hohe Hausnummer, wo doch die Arnulfstraße im Herzen der Stadt losgeht…).
Arnulfstraße is the new Schwabing. Oder so.
Weil wir aber nicht bös sind, sagen wir lieber: Ist doch schön, wenn ein bisserl Leben in die doch eher ruhige Gegend hier kommt. Und damit nicht genug: Wie uns eine weitere Publikation aus der “Local Life”-Liga, die “Elle” nämlich, in ihrem munter-mondänen München-Begleitheftchen verrät, kauft die Über-Akteurin Julia Jentsch ihre Bananen am liebsten im Bioladen gleich bei uns um die Ecke. Auf der Arnulfstraße. Es geht aufwärts!
20. März 2009
redaktion
“Alles im Garten stirbt ab, so eine Jahreszeit ist das gerade. Lila Mae knirscht in einem der geheimen Gärten der Stadt auf Mr. Reed zu. Die gleichmütigen Wächter (viktorianische Reihenhäuser aus mauem, braunem Stein) kehren ihr den Rücken zu. Dieser Eindringling hat ihren Segen, er hat eine amtliche Absicht, und auf den Straßen draußen gibt es Tausende von Neugierigen, denen der Zutritt verwehrt werden muss. Sollen sie bleiben, wo sie sind. Der sterbende Garten muss beschützt werden.”

Und dahinter ein Garten. (Foto: mawa/isarstadt.de)
Dreiviertel kalt
Gerade jetzt, im Herbstwinterfrühling, in diesen drei Vierteln des Jahres, in denen man sich mit hochgeschlagenem Mantelkragen an grauen Hauswänden entlangdrückt, in den kalten Knochen schon die Vorahnung der nächsten Straßenecke, an der einen der Eiswind wieder voll erwischen wird, in diesen Zeiten ist es ein kleiner Trost, sich die Welt hinter all den Gemäuern vorzustellen.
Billy und der Schneemann
Nein, nicht die Küchen und Schlafzimmer und die mit Freund Billy vollgestellten Wohnzimmer, sondern das, was dahinter kommt: die Innenhöfe. Die geheimen Gärten der Stadt. In denen es vielleicht auch jetzt etwas zu sehen gäbe - wäre uns nicht der Zutritt, der Blick verwehrt: Einen Schneemann zum Beispiel? Eine Collage aus mit Eisblumen übersäten Fenstern zum Hof (Quatsch - so was gibt’s doch heute nimmer)? Gefrorene Stalaktiten an einer vom letzten Nachbarschaftsfest stehen gelassenen Bierbank?
Bücher für Bäume zwischen Beton
In München hat’s ganz schön viele Hinterhöfe, allerlei Bäume, die nur die Anwohner kennen, Rasenflächen, kleine geheime Gärten zwischen den Blöcken aus Stein und Beton. Sogar auf dem Dach vom Gasteig wächst zwischen eigens angelegten Kieswegen Gras (gut zu sehen in dem Buch “München und Oberbayern aus der Luft” von Dirk Laubner, das wir mal irgendwo antiquarisch für ein paar Euro fuffzich mitgenommen haben). Bestimmt kommt irgendwann der nächste Sommer, in dem wir einen Klappstuhl in einen dieser Gärten stellen und ein gutes Buch mitnehmen. Bestimmt.
Als eben dieses gute Buch empfehlen wir übrigens “Die Fahrstuhlinspektorin” von Colson Whitehead, aus dem das obige Zitat stammt. Im Mai soll sein neuer Roman “Sag Harbor” erscheinen - bis dahin ist Zeit, seine (allesamt großartigen) bisherigen Bände zu lesen. Enjoy!
21. Januar 2009
mawa
Schon wieder ein Jahr (fast) vorüber. Und was bleibt davon übrig? Viel. Mal wieder: Sehr viel. Im Wohnzimmer steht ein gut gefülltes Billy-Regal mehr als im Vorjahr. Wobei’s bei uns eher ein Lese- als ein Hör-Jahr und Seh-Jahr war. Wird das mit zunehmendem Alter automatisch so? Ist es bedenklich, wenn einen der iPod im Ohr so aus dem Konzept bringt, dass man gegen eine Glastür rennt und dann beschließt, eine Weile nicht mehr beschallt durch die Gegend zu laufen (ist wirklich passiert, allerdings: es lief gerade “Flimmern” von den Goldenen Zitronen…)? Sind es Symptome der Quarter Life-Crisis, wenn man sich immer öfter am Grabbeltisch mit Backlist-Titeln versorgt, statt Neues zu kaufen?

Ja, für den wär’ auch noch Platz gewesen in unsren Charts. Aber er hat ja nix (Neues) von sich hören lassen. In diesem Jahr. (Foto: mawa/isarstadt.de)
Naja, Hören und Sehen werden uns hoffentlich niemals vergehen. Ebenso wenig wie die missionarische Ader, wenn’s darum geht, vom Guten, Schönen, Begeisternden zu erzählen. Kurzum: Wie schon im vergangenen Jahr haben wir hier zusammengetragen, was (uns) wichtig war in diesem Jahr. Vielleicht ist da ja was dabei, wo jemand sagt: Das wär’ doch was für meinen pubertierenden Bruder. Oder die liebe Patentante. Was für unter die Tanne. Und möglicherweise wollt auch Ihr uns ein paar Tipps stecken, was wir noch entdecken, uns selbst zum Fest schenken könnten. Die Jahres-Charts wären hiermit offiziell eröffnet:
Kategorie DVD schaun statt Fernsehen: “How I met your mother”
Gute “Friends” altern mit.
Kategorie Monaco franzt: G. Rag y les Hermanos Patchekos
Am besten live, und idealerweise mit Return to Reno im Vorprogramm.
Kategorie Golden Geeks: The Indelicates
Intelligent. Vermutlich.
Kategorie Bahnhofskiosk: Apartamento
Für alle, die bei ebay schon mal den Suchbegriff “Eames” eingetippt haben
Kategorie Abo auf Lebenszeit: Esopus
Ein Magazin? Viel mehr als das. Viel mehr.
Kategorie Newcomer in unsrem Kopf: Monica Drake - Clown Girl
Verrückt. Schön.
Kategorie Coffeetable: Bohemian Modern
Weckt’s uns auf, wenn wir fertig geträumt haben.
Kategorie Bildgewalten: Line Hoven - Liebe schaut weg
Schon der Titel! Ganz großes Tennis!
Kategorie Feine Striche: Inio Asano - Solanin
Manche Comics sagen mehr als ein Roman.
Kategorie Feine Stiche: Thomas Glavinic - Das bin doch ich
Daniel Kehlmann eat my shorts. Ha!
Kategorie Heimliche Liebe: Dendemann - Gangsterbraut
Bei ‘ner Party total daneben gelegen damit. Ach, Ihr habt’s nicht kapiert!
Kategorie Tränen im Dunkeln: Into the Wild / XXY / Happy-Go-Lucky
Überraschungen. Die bleiben.
Kategorie Immer wieder: Maigret
Der reicht für ein ganzes Leben.
17. Dezember 2008
mawa
Jawoll, ja, es ist soweit! Münchner Blog-Wichteln ist angesagt. Der Deal war: Je ein Ins-Internet-Schreiber schenkt einem anderen einen Text, ein Bild oder auch beides. Daher erscheint heute hier - so wie auch auf zwölf weiteren Münchner Blogs - ein Gast-Beitrag. We proudly present: Den wahrscheinlich bisher längsten (it’s in the Bild, baby!) Artikel auf isarstadt.de und sicher einen der charmantesten Einstiege. Vielen, vielen Dank dafür an Kerstin, die den großartigen Blog snowflakes & blackvampires betreibt!
Und ganz herzliche Grüße auch an alle anderen Teilnehmer des Münchner Blog-Wichtelns! Jedem einzelnen geneigten Leser sei nun eine Tour zu allen beteiligten Websites wärmstens an’s Herz gelegt - sämtliche Links stehen nochmal am Ende dieses Postings. So wie übrigens auch der Hinweis, auf welchem Blog der isarstädtische Wichtel-Text zu finden ist. Nun aber der Beitrag von Kerstin! Enjoy!

“Nenn mich nicht Walentin, du nennst ja auch nicht deinen Vater Water.”
Die Lichter, winterlichen Düfte und Dekorationen zur Adventszeit in der Münchner Innenstadt finde ich wunderbar. Weihnachten ist eine Zeit zum Träumen. Für mich bedeutet Weihnachten kein Stress, keine Familienstreitigkeiten - einfach nur Sinnlichkeit genießen.
Allerdings sollte man das für sich behalten. Alle Leute um mich herum sind gestresst, hassen Weihnachten, sind depressiv und übellaunig. Das fing schon mit ca. 7 Jahren an als mein Vater beschlossen hatte, das Konsumverhalten an Weihnachten würde ihm auf die Nerven gehen und es würde keine Weihnachtsfeier mehr für uns geben. Zu der Zeit wohnten wir in Indien und sogar die Hindus feierten Weihnachten. Wenn auch nicht sinnlich sondern mit Böller und Plastikbäumen, reichte ihm schon die Vorfreude der Kinder um das Fest einfach abzusagen.
Heimlich gab es mit unserer Mutter unter einer Palme doch noch ein paar Plätzchen. Auch ein heimliches Fest ist ein wunderbares Fest. Später (als Jugendliche) legte ich selbst keinen besonderen Wert auf Familienfeiern. Aber gefreut habe ich mich immer auf den ersten eigenen Weihnachtsbaum, den ich haben würde wenn ich mal Kinder bekommen würde.
Valentin: Ich krieg eine Schachtel Dritte Sorte.
Verkäufer: Ja, bei uns gibt es keine Zigaretten zu verkaufen.
Valentin: Was gibt’s denn dann?
Verkäufer: Bei uns gibt es nur Schallplatten und Gramaphone.
Valentin: Dann gebn S’ mir halt ein Gramaphon.
Jetzt habe ich Kinder und - wenn schon nicht Weihnachten - so feiern wir doch Channukah. Das ist auch wunderbar und ein schönes Lichterfest. Und doch trauere ich ein wenig dem kleinen Weihnachtsbaum meiner Vorstellung nach.
Karlstadt: Ich möcht bloß wissen, ob’s bei andere Leut auch so zugeht wie bei uns.
Valentin: Genauso!
Seit ca. 8 Jahren wohnen wir nun in der Münchner Innenstadt und an jedem Eck gibt es einen Weihnachtsmarkt. Jedes Fenster ist dekoriert und alles ist hell erleuchtet. Ich feiere also im Stillen mit und genieße das genauso. Egal ob um die Ecke beim Pink-Christmas oder auf dem Mittelaltermarkt, beim Schwabinger oder bei all den anderen Christkindlmärkten, jeder kann für sich den richtigen Ort finden und genießen. Ich bin froh, dass ich so zentral wohne, dass mir gar nichts anderes übrig bleibt als hin und wieder mal über einen Münchner Weihnachtsmarkt zu stolpern.
Der Münchner Komiker Valentin hätte dazu gesagt: “Ich bin auf Sie angewiesen, aber Sie nicht auf mich! Merken Sie sich das!”
Mehr Wichtel-Texte gefällig? Aber bitte doch! Hier geht es weiter: abspannsitzenbleiber, Digitale Notizen, Dr. Sno*, Lyroholisch, münchenblogger, rettet das mittagessen, Snowflakes & Black Vampires, Stadtneurotiker, Tivoli-Blog, Unilife live, Vorspeisenplatte. Und ganz besonders freu’n tät’s uns natürlich, wenn Ihr auch den isarstadt-Wichteltext auf Helgas Notebook München anguckt.
10. Dezember 2008
mawa
Die Bilanz der vergangenen Jahre: Ein Büchergutschein für Lehmkuhl’s (ausgezeichnet angelegt in “Mr Thundermug” von Cornelius Medvei). Eine Packung Kühlschrank-Magneten zum Wörter-Puzzlen (beim letzten Umzug verlegt). Ein Erdmutter-Kerzenständer vom Tollwood (auch, äh, verlegt). Und tatsächlich mal Lavendelkissen. Geschätzte 87,2 Prozent aller Menschen stehen dem zumeist im beruflichen oder nachbarschaftlichen Umfeld zelebrierten Wichteln ablehnend bis ausgesprochen aggressiv gegenüber. Weitere 10,4 Prozent stehlen sich aus der Affäre, indem sie Darmgrippe, einen Arbeitsunfall oder den Tod des heimischen Hamsters simulieren. Und wir? Lieben den Brauch.

And the Wichtel goes to… Leider nicht mehr ins Bild (also auf unsren Küchentisch) gepasst hat der nette Notar, der über die einwandfreie Ziehung der Wichtel-Lose gewacht hat. Dafür hat er ‘ne Kiste Kekse mit auf den Weg bekommen. (Foto: mawa/isarstadt.de)
Salz auf der Arbeitskollegen Haut
Vorausgesetzt natürlich, er wird vernünftig betrieben. Ist doch eine großartige Sache, wenn man sich mal Gedanken macht (bzw. machen muss), was dem Arbeitskollegen, mit dem man 200 Tage im Jahr einen Tisch in der Kantine teilt, privat Freude bereiten könnte. Wenn man den Nachbarn mal mehr als nur ein Pfund Salz oder eine mittelgute Flasche Rotwein schenkt. Wenn man sich also ein bisserl Mühe gibt. Etwas Persönliches gibt.
Schatz, da waren Fremde auf meinem Blog
Unter diesem Motto, soll auch das Blog-Wichteln stehen, zu dem wir jetzt zweieinhalb Handvoll Münchner Blogger überreden konnten. Naheliegenderweise besteht die Wichtel-Währung aus Texten, Fotos oder was man sonst noch so auf einem Bildschirm basteln kann. Das Prinzip ist einfach: Seit gestern weiß jeder Teilnehmer, wen er bewichteln wird (noch nicht jedoch, von wem er selber etwas erhält). Und am 10. Dezember sollen das die fremden Beiträge auf dem eigenen Blog veröffentlicht werden.
Und wer hat das Wichteln erfunden? Die Franken.
Patentieren lassen werden wir uns diese Idee nicht, denn wie wir mittlerweile erfahren haben, betreibt ein Blogger im fernen Franken das Blog-Wichteln nun schon im dritten Jahr. Aber es soll ja auch keine Konkurrenz-Veranstaltung sein, sondern wir wollten’s ganz bewusst regional halten und haben deshalb auch eine kleine Themenvorgabe abgemacht: Um München soll’s gehen. Und um Weihnachten. Wir sind schon sehr gespannt und empfehlen an dieser Stelle schon mal den geneigten Blick auf die teilnehmenden Münchner Blogs:
abspannsitzenbleiber
Bogenhausener Geschichten
Digitale Notizen
Dr. Sno*
isarstadt natürlich
Lyroholisch
münchenblogger
Notebook München
Snowflakes & Black Vampires
Tivoli-Blog
Unilife live
Vorspeisenplatte
Update: Auch dabei sein werden nun noch die Herren Mittagesser und Stadtneurotiker. Sehr schön, damit sind wir 14!
25. November 2008
mawa
Vor ein bisschen mehr als einem Jahr ist ein Büchlein herausgekommen, das sich prima und locker und unterhaltsam und kenntnisreich und erbaulich lesen lies (und das ist nicht ironisch gemeint). Das uns “intelligentes Leben jenseits der Festanstellung” versprach und den griffigen Begriff von der “digitalen Bohème” etablierte. Die cleveren Riesenmaschinisten und Berufsberliner Holm Friebe und Sascha Lobo landeten mit ihrem Manifest “Wir nennen es Arbeit” genau in dem warmen Vakuum aus Latte Macchiato-Dämpfen, Arbeitsmarktfrust und Webzwonull-Eurphorie, in dem sich jeder Zweite befindet, der eine Laptop-Tastatur bedienen kann. Die Thesen en bref: Arbeit kann glücklich machen, Selbstverwirklichung gibt’s bei Starbucks im Sonderangebot und Kreativität ist König.

Bleib’ I lieng oder geh I no naus in’ Coffeeshop? (Bild: Pinakotheken)
Rhapsodie oder Melodram?
Nun - und das ist den beiden Autoren hoch anzurechnen - wird bereits im Vorwort zu “Wir nennen es Arbeit” erwähnt, dass das Bohèmien-Dasein in Berlin leichter von der Hand geht als anderswo auf der Welt. Dass man eben, wo Dinge wenig kosten, auch wenig Geld (verdienen) braucht. Bleibt freilich die Frage, ob denn auch im teuren München ein böhmisches Leben möglich ist. Glaubt man dem geschätzten Vielblogger Dorin, lautet die Antwort ganz klar: Ja. Am Freitag diskutiert er in der lothringer 13, dem isarstädtischen Bohème-Hangout schlechthin, unter der Headline “Bohème reloaded” u.a. mit einer Soziologin, wie frei Freie wirklich sind. Pflichttermin!
Du Bohème, ich Dink
Anders als die Schwabing-Fraktion glauben wir als grundpessimistische DINK-Spießernaturen ja (leider) nicht so wirklich daran, dass man in München allein mit der Kraft schöner und richtiger Gedanken, heißem Kaffee und einem W-LAN-Zugang (über)leben kann. Vielleicht liegt unser düsteres Weltbild aber auch darin begründet, dass wir mit dem Bohèmien als solchem das arg romantische Bild vom armen Poeten verbinden, der entweder durch einen Schicksalsschlag oder aber durch manische Prasserei mittellos geworden ist und nun gelernt hat, von der Hand in den Mund zu wirtschaften. Dabei muss man sich diese freilich (von jeher) nur in Wahnmoching mögliche Existenzform wahrscheinlich in Wirklichkeit als eine Bohème mit Bausparvertrag vorstellen. Und, ach ja: Rhapsodie (as in: Bohemian Rhapsody) bedeutet übrigens “Heldenlied”.
29. November 2007
mawa
Ja, wir gestehen: Wir lesen Bildchen-Bücher. Haben’s früher, ganz früher schon getan. Als Kinder in den Comic-Kisten der Stadtbücherei gewühlt und sämtliche Asterix-, Isnogud-, Marsipulami-Bände leergelesen. Dann: Lange Zeit nur Buchstaben-Bücher. Bis uns vor gut einem Jahr ein Band der Über-Zeitschrift “McSweeney’s” in die Hände fiel, in der es um nichts als gezeichnete Geschichten ging. Um das Comic-Subgenre der Graphic Novel. Um, jawoll: Kunst!

Ansprechende Bilder (Foto: B S K/stock.xchng)
Gemalte Geschichten
Mit Begeisterung stürzen wir uns seitdem immer auf die schlaue Comic-Kolumne in der eh großartigen “in münchen” und haben uns über den SZ-Artikel zu autobiographischen Comics (natürlich mal wieder nicht online verfügbar. Shame on you, SZ!) von diesem Wochenende gefreut und allerlei neue Tipps notiert. Nur: Wir haben große Schwierigkeiten, hierzustadt den dringend benötigten Stoff aufzutreiben. Die Comic-Händler in der Innenstadt (Fraunhofer Straße, Stachus, Hauptbahnhof, Herzog-Wilhelm-Straße) bieten Graphic Novels - wenn überhaupt - in einer hinteren Ecke in geringstmöglicher Stückzahl feil. Allenfalls die gerade auch im Kino angelaufene “Persepolis“-Geschichte findet sich da mal.
Pouf! Bang! Bumm!
In den Läden dominieren ganz klar die eher eindimensionalen Superhelden-, Fantasy- und so schludrig wie lieblos gezeichneten Knarz- Bumm- Pouf-Cartoons, die nicht ganz unschuldig an dem etwas zweifelhaften Nerd-Ruf der Comic-Kultur sind und uns ehrlich gesagt nicht die Bohne interessieren. Nach englischsprachigen Originalen (naheliegend, da die Graphic Novel-Szene - noch - vor allem in den USA beheimatet ist) brauchst’ da gar nicht erst zu fragen. Unsere Frage daher an alle Bilderbuch-Liebhaber: Gibt’s da in München wirklich nix oder haben wir nur bisher an der falschen Stelle geschaut?
25. November 2007
mawa
Ein neues Buch vom (oder eigentlich: über den) Münchner OB. Und am Freitag Signierstunde beim Hugendubel am Marienplatz. Hmm. Noch keine wirkliche News. Christian Ude, hauptberufliches Stadt- und Schickeriaoberhaupt (…und das ist auch gut so!) sowie nebenberuflicher Komiker Kabarettist hat seinem Wahlvolk schließlich bereits vor Jahren “Meine verfrühten Memoiren” zu Füßen gelegt und auch sonst zu so ziemlich jedem möglichen oder unmöglichen Thema ein Büchlein herausgegeben (”Ich baue ein Stadion”, “Stadtradeln” und der Klassiker: “Menschen und Miezen - vom Zauber, mit Katzen zu leben”).

Einwände nur werktags 8 bis 19 Uhr (Foto: mawa/isarstadt.de)
Brooke Shields Ude
Das neue Buch überezeugt uns allerdings schon vor der Lektüre durch sein dokumentarisch gefärbtes Umschlagfoto: Herr Ude im braunen Cord-Sakko. Wie oft haben wir den Möchtegern-Stenz kulturell bewanderten München-Macher schon in eben diesem Kleidungsstück durch die Feuilletons geistern sehen! Boheme für Bürgermeister, der Dress-Code für den direkten Volkskontakt. Wie fragen uns: Hat der Mann von dem Kuschelüberwurf eigentlich gleich mehrere Exemplare im begehbaren Kleiderschrank hängen? By the way: Andy Warhol soll ja hundert Stück seines weißen Brooks Brothers-Lieblingshemdes besessen haben. Und irgendwo ist unser ewiger OB doch auch und vor allem ein Künstler.
Die DVD zum Film vom Buch
Lustig, dass da nur die SZ in die Parade fährt: In ihrem Online-Shop (Kaufen Sie jetzt die DVD zum Film vom Buch, das ehemals eine Zeitung war!) wird just jene oben erwähnte Biographie des späten Ude mit einem ganz anderen Titelbild feilgeboten: Der OB trägt dort formelles Outfit inklusive Schlips statt des Schwabing-Looks. How conservative! Wir wundern uns: Ist die Süddeutsche am Ende der wahre Merkur?
15. November 2007
mawa
G’scheit gespannt sind wir schon auf den Samstag Abend, auf Reverend Jen aus dem großen Apfel, die in der lothringer 13 Haus halten wird. Die Dame ist für New York so ziemlich das, was die gute Petra Perle gerne für München wäre (und natürlich nie sein wird): Schräges Gesamtkunstwerk, Autorin, Filmerin, Veranstalterin der legendären Anti-Slam-Abende, die Inkarnation des vergessenen fünften Teletubbies und, ach ja, eine recht attraktive Elfenohrenträgerin (Eigenurteil: “Sex Symbol for the Insane”).

Trolle Sache, so ein Appartement in N.Y. (Foto: revjen.com)
Nachbarhut
Wir kennen von ihr bisher lediglich das Buch “Reverend Jen’s Really Cool Neigborhood“, eine Liebeserklärung an das Stadtviertel Lower East Side, das Westend des Big Apple (oh je, wenn’s für diesen etwas windschiefen Vergleich mal keine Schelte gibt…). Alexa, die uns den Hinweis auf den München-Termin gegeben hat (danke!), hat die Performerin aber schon mal live gesehen und auf ihrem New York-Blog drüber berichtet.
Ganz Troll
In der lothringer 13 wird Reverend Jen eigene Videos vorführen und über die Vernetzung des New Yorker Undergrounds via YouTube & Co. plaudern. Für den Abend verantwortlich zeichnet der Münchner Internetfrickler Patrick Gruban, dem wir schon so schöne Seiten/Aktionen wie sub-bavaria, “Zündfunk retten” oder den leider im Frühjahr eingestellten Blog minga.de zu verdanken haben. Verspricht also spannend zu werden!
Nachtrag 4.11.: Der Rev Jen-Auftritt hat lustiger- (und unerwarteter-)weise für ein ziemliches Rauschen im Münchner Blog-Wäldchen gesorgt, dokumentiert bei Narziss und Goldhund. Und von Dorin prognostizieren wir im Laufe des Tages noch ein paar Fotos von der Veranstaltung - die Kamera hatte er auf jeden Fall dabei.
2. November 2007
mawa
Eigentlich hätte an dieser Stelle ja ein übellauniger Verriss des gestrigen München- / Wies’n-Tatorts stehen sollen, bei dem vor allem zu wünschen gewesen wäre, dass der an sich sehr geschätzte Münchner Krimischreiber und Autor der Folge, Friedrich Ani, seine Mittäterschaft an den immer für eine Watsch’n guten Alan Smithee abgetreten hätte. Dann aber hat uns ein Artikel des Viel-Bloggers Dorin Popa doch wieder davon überzeugt, dass diese Welt eine gute ist. Eine Welt nämlich, in der es seit heute früh einen weiteren, einen neuen Bücherladen (Barerstraße 80) gibt. Und sogar einen Blog dazu.

Who the f… is Billy? (Foto: Nina Hale/flickr CC)
Darf’s noch ein bisserl mehr Buch sein?
Wie seinerzeit schon mal auf isarstadt.de thematisiert, findet in Schwabing ja ein etwas seltsamer Prozess bei den Buchhändlern statt: Während die Geschäfte für Gedrucktes im direkten Dunstkreis der LMU immer mehr den Charme von Metzgereiauslagen nach Ladenschluss oder Kartonagenlagern ausstrahlen, liefern die nur ein paar Meter weiter westlich gelegenen Läden Zweitausendeins, Basis Buchhandlung oder Munich Readery (die an sich schon mindestens einen Blog-Eintrag wert wäre) manche Ausrede für verspätete Abendessen, vergessene Verabredungen oder einen dringenden Besuch bei Ikea (”Billy? Reihe H13, oben”).
Neuer Trend: Das Buch zum Blog
Nun also (auf der “richtigen”, der der Uni abgewandten Seite) auch noch der Blogger Buchhändler Dorin. 100 Tage hat er sich erstmal gegeben / genommen, der Laden in der Barerstraße 80 soll - Zitat - “nichts von Dauer” sein. Dann heißt es wohl schnell zuschlagen. Denn Bücher kann man ja nie genug haben. Buchhandlungen im Übrigen auch nicht. Wir drücken die Daumen!
24. September 2007
mawa
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